Tonträger

Underworld besteht auch den Ibiza-Test

Von Fridtjof Küchemann

16. September 2002 Das neue Album wird für Underworld nicht ohne gewesen sein. Nachdem Darren Emerson, nach verbreiteter Meinung musikalisches Schwergewicht des Trios, die Formation verlassen hatte, sahen sich Karl Hyde und Rick Smith unter Zugzwang. Sie wollten zeigen, dass sie auch ohne den DJ noch den gestiegenen Erwartungen ihres beständig gewachsenen Publikums gerecht werden können.

Außerdem waren Underworld knapp drei Jahre fast unablässig unterwegs und haben dabei ihr „Everything/Everything“-Programm gespielt, bis sie es selbst nicht mehr hören konnten.

Mit „A Hundred Days Off“, ihrem vierten Studioalbum, haben Underworld an alte Stärken anknüpfen können. Und an alte Erfolge: Aus den Clubs von Ibiza wird begeisterte Resonanz auf die Single-Auskopplung „Two Months Off“ gemeldet. Dort gehört die Mehrzahl der auf „A Hundred Days Off“ versammelten Tracks auch hin: auf den Tanzboden.

Unschärfen und andere Irritationen

Underworld ist als Musikprojekt des umtriebigen Kreativteams Tomato entstanden, das als Agentur für Kunden wie Nike und Adidas, Pepsi und Coca-Cola, L'Oréal und Shiseido gearbeitet, als Künstlergruppe Ausstellungen in Paris, Prag, München und Tokio bestritten hat und in London eine eigene Galerie betreibt.

Die Bildästhetik von Tomato funktioniert häufig über Unschärfen, Uneindeutigkeiten und Übersteuerungen, kleinste Verschiebungen und Irritationen. Dem ähnelt das musikalische Verfahren von Karl Hyde und Rick Smith. In der Gemengelage ihrer Musik verschieben sich die Rhythmen der einzelnen Klangspuren im Feinbereich, statt wie gewohnt variantenlose Wiederholung des gleichen Samples zu bleiben. Auch wenn die Stücke tanzbar bleiben, wirken einige seltsam organisch und ungreifbar.

Vollwert-Songs und andere Überraschungen

Andere Nummern auf „A Hundred Days Off“ sind überraschende Vollwert-Songs mit Strophen und Refrain. „Trim“ etwa ist ein Folkblues-Wiedergänger mit ambient-artiger Gitarrenimprovisation, die im nirgendwo verklingt. Dann kommt mit „Dinosaur Adventure“ der Rave zurück.

„Jetzt haben wir der Welt gezeigt, was wir können“, freut sich Karl Hyde in einem Interview des Musikmagazins „Intro“. Underworld klingt auch ohne Darren Emerson wie Underworld. „Jetzt können wir uns wirklich dransetzen und eine Ambient-Jazz-Platte machen.“

„A Hundred Days Off“ von Underworld ist auf V2 / Zomba erschienen.




Text: @kue
Bildmaterial: V2

 

Tonträger

Kauzig und cool: „Trouser Jazz“ von Mr Scruff

Spezial Auf „Trouser Jazz“ verrührt Mr Scruff Disco-Musik, Glamour-Jazz und andere Pailletten-Sounds mit einem feinen Lächeln.

Tonträger

Geschnipsel und Geschmeide: „Zoomer“ von Schneider TM

Spezial „Zoomer“, das zweite Album von Schneider TM, changiert zwischen eingängigem Pop und elektronischer Zumutung.

Tonträger

Nur kein Revival: Tarwaters andere 80er

Spezial Die Musik des Berliner Duos Tarwater lässt die Vergangenheit faszinierend schillern, verweigert sich aber der Nostalgie.

Tonträger

Beweg, was du hast

Spezial „Pläy“ von den Märtini Brös ist nichts für schwache Nerven. Aber zum Aufmischen für den Tanzboden bestens geeignet.

Tonträger

Die Elektro-Lerche, nicht die Dance-Nachtigall: Zwei Seiten von „Sónar 2002“

Spezial Die Compilation „Sónar 2002“ steht dem gleichnamigen Festival elektronischer Musik an Attraktivität nicht nach.

Tonträger

Somnambuler Soundtrack: Funki Porcinis elektronische Experimente

Spezial Der Brite James Bradell alias Funki Porcini hat ein Album voll akustischer Traumlandschaften aufgenommen.

Elektronische Musik

Das Cello brutzeln: Murcof verbindet elektronische Sounds und klassische Instrumente

Aus schlichten klassischen Figuren und nervösen elektronischen Rhythmen formt Murcof eine faszinierend hybride Musik.

Tonträger

Schüchterne Klangskizzen

Spezial Das erste Solo-Album des Bassisten und Keyboarders Stefan Schneider, "A Way to find the Day".

Tonträger

Taylor Savvys bittersüße Revue elektronischer Tanzmusik

Der elektronische Entertainer Taylor Savvy jongliert auf seinem Debütalbum virtuos mit den Klischees der Pop- und Rockgeschichte.

Tonträger

Soul und Funk im Techno-Beat: Soul Center III von Thomas Brinkmann

Neu im Plattenladen: Mit „Soul Center III“ gelingt dem Musiker und Künstler Thomas Brinkmann eine eigenwillige Verbindung von Soul, Funk und Techno.