17. Juli 2008 Lieber Herr Kollege Singer,
in Reaktion auf meinen Artikel schlagen Sie vor, statt des fruchtlosen Austausches von Argumenten zur Hirnforschung ein Experiment durchzuführen, vorzugsweise am philosophischen Kritiker selbst, quasi als Anrufung einer finalen, nichtsprachlichen Entscheidungsinstanz, die den unbewiesenen Behauptungen der Philosophen ein für alle Mal ein Ende setzt. (Beweise gibt es, außer in der Sprache der Stammtische, nur in den Formalwissenschaften Mathematik und Logik! Auch Sie bleiben auf Begründung oder Widerlegung durch nachvollziehbare Argumente angewiesen.)
Sie sprechen zur Erläuterung Ihres Vorschlags, Bekanntes (und von mir nie Bestrittenes) wiederholend, über Hirne. Ich spreche nicht über Hirne, sondern über Sie; genauer über Ihre mehrfach publizierten Behauptungen, wonach einerseits mentale Phänomene auf neuronalen Prozessen beruhen, andererseits Erklärendes und das zu Erklärende in der Hirnforschung verschmelzen, ja, eins seien. A beruht auf B, und zugleich sind beide eins?
Warum übernehmen Sie nicht die Verantwortung für das, was Sie schreiben? Das heißt, warum antworten Sie nicht auf Fragen zu Ihren wissenschaftstheoretischen Thesen, etwa zum Gebrauch Ihres völlig ungeklärten Lieblingswortes beruhen?
Jetzt unterstellen Sie, ein Experiment könne eine These falsifizieren - sonst ist Ihre Aufforderung an mich sinnlos. Damit zeigen Sie erneut Ihr wissenschaftstheoretisches Missverständnis der Naturwissenschaften. (Ich empfehle die Lektüre eines guten Lexikons zum Stichwort experimentum crucis.)
Ein Experiment ist eine Prozedur, die nicht selbst in ein Verhältnis zu einer Theorie treten kann. Falsifizieren ist nämlich ein Wort für das Verhältnis zweier sprachlicher Gegenstände, im einfachsten Falle zweier Sätze. Also kann nur die Beschreibung eines Experiments mit einer These konfligieren. Dann muss man mit Gründen entscheiden, ob die These oder die Beschreibung des Experiments zu ändern ist.
Nun betrifft unser Dissens gerade die Frage der richtigen Beschreibung Ihrer Experimente. Es geht dabei zum Beispiel um das Problem, ob es bei instruierten Versuchspersonen überhaupt eine vom Experimentalausgang unabhängige, technische Reproduzierbarkeit von Daten geben kann. In physikalischen oder chemischen Experimenten ist diese Reproduzierbarkeit unabdingbar für ein empirisches Resultat. Ihr Vorschlag ist also von seiner Prämisse her unsinnig.
Was ist dann die Absicht Ihres offenen Briefes? Mir fällt Ihr ungeniertes Spiel mit Assoziationen auf, mich persönlich zum Objekt Ihrer Laborverfahren zu machen, etwa, mir als Ihrem philosophischen Kritiker eine Haube mit Elektroden über den Kopf zu stülpen oder mich in den Tomographen zu schieben, damit ich - so Ihre Phantasie - nach Ihren Regeln gleichsam unweigerlich an mir selbst meine Widerlegung erlebe. Könnte es sein, dass Sie Ihre Leser unterschätzen, vor allem moralisch?
Mit freundlichem Gruß
Peter Janich
Bildmaterial: Juergen Bauer
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