Berliner Philharmoniker

Vertriangelt

Von Eleonore Büning

Im Stich gelassen: Simone Young

Im Stich gelassen: Simone Young

11. Dezember 2005 Hamburgs neue Opernintendantin und Generalmusikdirektorin Simone Young hat zum ersten Mal die Berliner Philharmoniker dirigiert - und es ist erstaunlich, wie stumpf eines der besten Orchester der Welt klingen und wie viele Einsätze es versemmeln, verblasen und vertriangeln kann, wenn es nicht anders will.

Vom Willen des einzelnen nämlich hängen die kollektiven Arbeitsergebnisse eines so kostbaren und so hochspezialisierten Ensembles in hohem Maße ab. Der Wille des Dirigenten ist dem untergeordnet. Man hat Berlins Philharmoniker schon oft unter schlechterer Leitung besser spielen hören. Wir erinnern uns: Das letzte Mal, daß dieses Orchester einen schlagtechnisch brillanten, musikantisch souveränen Weltklassedirigenten vom Kaliber einer Young dergestalt auflaufen ließ, war, als vor Jahren Christian Thielemann hier sein Debüt gab.

Zweite Frau am Pult

Geschlechtsspezifische Ursachen des Debakels sind also auszuschließen. Man kann den Philharmonikern in Berlin auch nicht Frauenfeindlichkeit nachsagen wie ihren Kollegen aus Wien. Young ist schon die zweite Frau am Pult der Berliner Philharmoniker. 1978 dirigierte, ebenfalls einspringend, Sylvia Caduff, unter anderem Schumanns Vierte. Und hinter dem spektakulär aufgebauschten Fall der seinerzeit abgelehnten Klarinettistin Sabine Meyer verbarg sich eigentlich schon der Konflikt des Orchesters mit Karajan. Zu diesem Zeitpunkt (1982) war mit der Geigerin Madeleine Caruzzo die erste Frau längst ins Orchester aufgenommen worden.

Auf Youngs beziehungsreich zusammengestelltem, männlich-mutigem Mammutprogramm stand zunächst das Tristan-Vorspiel. Es wurde wieder gestrichen. Sie begann mit der großen Mathis-Symphonie von Paul Hindemith, es folgte die dritte und längste Symphonie Anton Bruckners in ihrer noch stark wagnerzitatdurchwachsenen Erstfassung von 1873. Die wird noch immer viel zu selten gespielt. Weniger wichtig als die vielen Isoldens und Brünnhildens, die hier im Kopfsatz laufend um die Ecke lugen, ist für den Durchbruch des Brucknerischen Personalstils die Adaption von Wagners „Kunst des Übergangs“ zu werten, kühn übertragen auf das fragile, pausendurchwebte, allezeit einsturzgefährdete Gebäude eines durchführungsdominierten Symphoniesatzes.

Die kalte Schulter

Ausgerechnet diese Übergänge wurden verstolpert. Viele Generalpausen verwandelten sich in sinnleere Löcher, zu schweigen von der Unwucht der Klangbalance und einer grob gestuften Dynamik. Zwar schuftete Young daran energisch. Ihre Zeichensprache ist elegant, sie macht allezeit klare Ansagen. Doch die ins Piano abdämpfenden Gesten ihrer Linken wurden von den Bratschen und übrigen Streichern ebenso konsequent ignoriert wie ihr perfektes Timing mit der Rechten von den Posaunen, den Trompeten, dem Schlagzeug. Nur, wenn die solistisch agierenden, vorwiegend mit „echten“ Philharmonikern besetzten Holzbläser und Hörner an der Reihe waren, kam so etwas heraus wie: Musik.

Außer Caruzzo saßen im Corps der ersten Geigen zunächst fünf, bei Bruckner dann sechs Philharmoniker/innen, darunter immerhin zwei der vier vortrefflichen Konzertmeister: Guy Braunstein und Rainer Sonne. Auch in anderen Stimmgruppen betrug der Anteil der Nichtphilharmoniker mehr als sechzig, in einigen gar achtzig Prozent. Teils spielten Aushilfen aus anderen Berliner Symphonieorchestern vom Blatt, zum größten Teil aber der Nachwuchs aus der philharmonischen Orchesterakademie. Gewiß muß Nachwuchs seine Chance haben. Doch das darf nicht dazu führen, daß Gastdirigenten auf diese Weise unhöflichst nur die kalte Schulter des teuersten und zur Zeit gewiß auch wieder besten der Berliner Klangkörper gezeigt wird.

Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin beeindruckte

Ein Traditionsorchester mit Ruf muß diesen immer neu beweisen, sich und anderen. Ein Orchesterzusammenschluß dagegen, der im beständigen Existenzkampf steht und nichts selbstverständlich nimmt, kann bei schwächerer Einzelkraft, aber immensem Willen eine ungleich größere Gesamtleistung erzielen. Dies bewies eine Woche zuvor am gleichen Ort das bewährte Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB), das unter seinem Chefdirigenten Marek Janowski nicht nur gescheite Programme entwirft, sondern auch an Volumen zugelegt hat.

Es holte glanzvoll alles aus dem weltlich-opernhaft dramatisierenden Orchesterpart der Es-Dur-Messe von Franz Schubert heraus, was nur darinnensteckt. Der Rundfunkchor, die jungen Solisten entfalteten ihr Potential inbrünstig. Und Janowski, in Zusammenhängen programmierend (wie Young) ließ die emphatisch-atonale Gryphius-Kantate „Friede anno 1948“ von Karl Amadeus Hartmann vorausgehen, in einer Interpretation, die nicht anders als maßstäblich genannt werden kann.

Text: F.A.Z., 12.12.2005, Nr. 289 / Seite 33
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

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