Ich habe gerade die andern meinungen gelesen und muß sasgen: Sie haben recht, und ich habe unrecht. Die Entscheidung der Jury ist vielmehr der Ausfluß von genau dem politisch-rechthaberisch-korrekten aggressiven Ungeist, den ich der anderen Seite vorgeworfen habe! Wie konnte ich nur so daneben liegen. Ich bitte die Online-Redaktion inständig, diese richtigstellende Notiz auch hochzuladen.
Danke.
Der Markt der Nachrichten hat also Angst vor Einbußen, die Entscheidungsträger einigen sich auf einen Bewertungskodex, der sich hauptsächlich zwar aus ehrenwerten demokratischen Traditionen speist. Immer mehr macht sich aber bemerkbar, daß diese Werte nur solange relevant sind, solange sie nicht allzusehr hinterfragt werden müssen - dafür ist in dem schnellebigen Geschäft schlicht keine Zeit. Auch bleiben alle nicht bereits vor-formatierten und vor-bewerteten Themen in diesem Raster schon hängen. (Ich erinnere mich an die Artikel in den Zeitungen, Radio etc. beim Ausbruch des Bürgerkriegs in Elfenbeinküste: "wir wissen nicht, was die Gründe sind"!) Die Sprache besteht nur noch aus einer Mischung aus synthetischen Bausteinen und einem locker-flockigen Plauderstil. Destruktive Tendenzen, die das redaktionelle Korsett am deutlichsten spürbar machen. Darauf hat Handke hingewiesen.
Es ist auch nicht verwerflich, daß Handke das Bild von Milosevic korrigiert. Andere Staatsmänner haben ebensoviel Unheil verschuldet, und sind heute willkommene Staatsgäste bei der Fußball-WM.
Wer will sich als Richter aufspielen?
Paradox ist auch, daß die politische Korrektheit, die ursprünglich eigentlich als Meinungsterror der Linken eingeführt wurde, die ihre Feindbilder verloren hat und deshalb die freie Meinungsäußerung, ja das freie Denken selbst aufs Korn genommen hat, nun in "Slobo" ausgerechnet einen der letzten Vertreter des alten stalinistischen Erbes erwischt hat.
Handke hatte
Der Verfall unserer Kultur, der durch völlige Kommerzialisierung alles, auch unsere (hoffentlich) geliebte deutsche Sprache opfert, ist meiner Meinung nach viel tiefgreifender, als wir uns das alle klarmachen. Aber auch die politische Korrektheit ist mächtiger geworden. In Zeiten, in denen das Nachdrucken einer kontroversen Karikatur in Echtzeit auf dem gesamten Globus rezipiert wird und gewalttätige Ausschreitungen zur Folge hat, gleichzeitig aber die Frequenz der News-Aktualisierung immer schneller wird, wird Sprache vorher nicht gekannten Zwängen und Kräften unterworfen. Allein präzise und kompromißlos darauf hinzuweisen, in einer wirkungsvollen Weise, ist ein Verdienst.
Milosevic ist vor allem vorzuwerfen, daß er die nationalistischen Tendenzen im Kosovo befördert hat, um sich seine Machtposition zu sichern. Hier hätte es allerdings eines wahrlich großen Staatsmanns bedurft, um den hasserfüllten ethnischen Konflikt noch abzufangen.
Die früheren Sezessionskriege dagegen, wie Handke sie nennt, waren für mich keine ethnischen Konflikte, sondern wahre Bruderkriege, die Slawen haben sich, und das hat uns alle so fassungslos gemacht, gegenseitig umgebracht.
Ich will auf folgenes hinaus: Milosevic war ein Sohn Serbiens, er wurde von seinem Volk akzeptiert, und wir haben nicht das Recht, über ihn zu richten. Wir sind gefüttert worden von einer Sprache, die noch nicht einmal so sehr politisch diffamieren will, sondern einer Sprache, die reinen Marktgesetzen unterliegt.