Courbets Ursprung der Welt hängt nicht an der Wand, einsam und phallisch ragt da nur die Schreibtischlampe auf, die Hand saust nieder wie zum Karateschlag, dann stützt er sich so fest auf die Schreibtischplatte, als wollte er das Abendland ins Wanken bringen: Ich widerspreche Aristoteles, sagt er mit so bedrohlich schnarrender Stimme und so kunstvoll gedehnten Worten, dass man schon Angst um den armen alten Griechen bekommt. Und wieder versetzen die Hände den sonst so starren Körper in Bewegung, als sei der von den seismischen Erschütterungen des Unbewussten erfasst.
Die devoten Stichworte des Schwiegersohnes, der fürs französische Fernsehen den Interviewer geben darf, tröpfeln dazwischen; das Schwarzweiß des Bildes hat die Tönung alter französischer Filme, in denen ein selbstgefälliger Patron mit eisgrauem, zurückgekämmtem Haar jeden Zweifel an seiner Autorität erstickt. Die Macht der symbolischen Ordnung nimmt Haltung an, während er über die Entmächtigung des Ichs doziert. So spricht das Unbewusste immer mit, auch wenn, vor den Jüngern in Louvain, der Denkerkörper leicht wippt, sobald er, wie ein dunkler Guru, mit seinen Handbewegungen eine geheime Welt beschreibt oder ein unsichtbares Orchester zu dirigieren scheint.
Vor dem Kameraobjektiv bekräftigt, ganz unbewusst, Jacques Lacan seine berühmte Theorie vom Spiegelstadium als Bildner der Ichfunktion. Die imaginäre Ganzheit des Ichs hat sich verfestigt: zur Karikatur einer Respektsperson. Also ist auch der Satz wahr: Sich selbst erkennen heißt sich verkennen, denn me connaître klingt wie méconnaître.
Video: Jacques Lacan auf youtube.com
Text: pek./Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 25.11.2007, Nr. 47 / Seite 28
Bildmaterial: youtube.com
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