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Swinging St. Pauli: Die Sterne leuchten wieder

Von Aram Lintzel

Raffinierte Irrlichter: Die Sterne

Raffinierte Irrlichter: Die Sterne

22. April 2002 "Hamburger Schule" nannte man Mitte der 90er Jahre das soziale und musikalische Umfeld der Sterne. Doch diese Schublade sollte heutzutage verschlossen bleiben. Zwar eint unterschiedliche Hamburger Bands wie Blumfeld, Tocotronic und eben die Sterne weiterhin das Interesse am politischen, subversiven Popsong. Jedoch bilden die einzelnen Projekte kaum noch einen ästhetischen und sozialen Zusammenschluss.

Man geht längst seine eigenen Wege. So erzählt Sterne-Sänger und -Texter Frank Spilker auf "Irres Licht" denn auch von prekären sozialen Gebilden aller Art (Beziehung, Kiez, Kneipe etc.). Und im Vergleich zu früheren Sterne-Platten groovt "Irres Licht" weniger; statt Soul und Funk ist nun der psychedelische Pop der 60er Jahre die zentrale Bezugsgröße.

Verschwendung

Die Sterne: “Irres Licht“ (Cover)

Die Sterne: "Irres Licht" (Cover)

Das Klangbild von "Irres Licht" ist warm und üppig. Nuanciert und keinesfalls bloß nachäffend zapfen die vier Sterne-Musiker dabei das Soundarchiv der Sixties an: Eingängige, ohne Umschweife vorgetragene Melodiebögen, knackige Fuzzgitarren oder auch Orgelsounds nach Art der Doors sind nur ein paar der Elemente, die man sich aus der Vergangenheit geborgt hat.

Manchmal erinnert das Resultat an den Modsound von Bands wie The Creation (in "Hängen Hart"), Phil-Spector-Arrangements (in "Du hast die Welt in deiner Hand"), dann wiederum werden die subtileren Momente von Oasis angetäuscht. Der Schmusesong "Wenn dir St. Pauli auf den Geist fällt" wartet mit Streichern, aber auch mit einer originellen Überraschung auf: Gen Ende hört man ein kleines Dudelsackorchester. Für den verschwenderischen Klangreichtum der elf Songs ist vor allem der neue Keyboarder und Arrangeur Richard von Schulenburg verantwortlich.

Verletzung

Während auf der instrumentalen Ebene gewuchert wird, hält sich Sänger Frank Spilker wie immer zurück. Mit minimalen Ausdrucksmitteln erzielt sein lakonisch-schläfriger Sprechgesang maximale Wirkungen. Scheinbar emotionslos berichtet er von Verletzungen und Eifersuchtsdramen. "Ich bringe euch beide um" lautet der ängstigende Titel eines Liedes. Trotz der stilistischen Nüchternheit kann man sich Spilkers Alltagserzählungen kaum entziehen - vor allem seine persönlichen Rettungsversuche haben etwas Ergreifendes.

Geradezu rührend wirkt es, wenn er in "Wahr ist was wahr ist" die Minimalbedingungen gelungener Subjektivität beschwört: "Ich bin auf den Beinen / Ich habe keine Schmerzen / Ich bin bei Verstand / Ich habe nichts mit dem Herzen / Ich kann mich bewegen / Ich muss mich nicht quälen / Ich kann Eins und Eins zusammenzählen."

Verlust

Ob das reicht, um glücklich zu sein? "Irres Licht" handelt insgesamt doch mehr von wackeligen denn von stabilen Verhältnissen. Im Zentrum stehen Verlust sowie der Mangel an Autonomie. "Alles vergeht" heißt der letzte und vielleicht schönste Song der CD. Das Objekt des Verlustes bleibt stets unbestimmt, der Hörer kann seine eigenen Erfahrungen auf die Texte projizieren.

Neben Liebesleiden sind auch handfeste politische Anverwandlungen möglich. Die Textstelle "Du hast die Welt in deiner Hand / Gib sie wieder her" lässt sich durchaus als versteckter Beitrag zur (Anti-)Globalisierungsdiskussion verstehen. Oder auch nicht. Gute Popmusik lebt eben auch von ihrer Ambivalenz und den Interpretationsfreiheiten, die sie dem Hörer lässt.

„Irres Licht“ von Die Sterne ist auf Virgin erschienen.



Text: @aram
Bildmaterial: Virgin Music, Virgin Records

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