Wellenreiter

Die Bühnen der Rechten

Von Cai Philippsen

WELLENREITER - durch die Informationsflut mit FAZ.NET

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20. September 2004 Wahlabende im Fernsehen verlaufen nach einem strengen, immergleichen Ritual. Prognosen, Reaktionen, Hochrechnungen, Wählerdank und weitere Floskeln, wenige Enttäuschte, viele angebliche Gewinner, verschwitzte Reporter und endlich ein Bier. Und zur Tradition gehört auch der verkrampfte Umgang mit den Vertretern der Rechtsaußenparteien. Der verzweifelte Versuch, ihnen im Fernsehtheater nur ja keine Bühne zu bieten.

Dieses ehrenhafte öffentlich-rechtliche Vorhaben scheitert regelmäßig, kann gar nicht gelingen. Kein Reporter kann seinem Gegenüber ein Mikrofon entgegenstrecken und gleichzeitig verhindern, daß er hineinspricht, wie es Sylvia Peuker von der ARD am Sonntag abend in Dresden gleich mehrfach versuchte. Müssen wir denn soviel Angst vor platten Parolen haben? Das andauernde Unterbrechen der rechten Redner ließ diesen Eindruck zumindest aufkommen.

„Seien Sie bitte still“

Vielleicht sollte man sie lieber sprechen lassen, wie Liane Hesselbarth. Als die Frau von der DVU in Potsdam vor die ARD-Kameras trat und die Vertreter von Grünen, SPD und CDU sogleich den Stehtisch im Studio verließen, hat hoffentlich so mancher brandenburgische Protestwähler ein schlechtes Gewissen bekommen. Frau Hesselbarth durfte ein paar „Schnauze voll“-Sätze sprechen, hatte, und das merkte jeder Zuschauer, aber nichts zu sagen. Als die allein am Tisch verbliebene PDS-Spitzenkandidatin Dagmar Enkelmann dann noch mit viel Emotion aufzeigte, was es denn mit den 1.000 Anträgen der DVU in der abgelaufenen Legislaturperiode auf sich hatte, waren DVU und Frau Hesselbarth nur noch blaß statt braun.

Sachsens Rechtsaußen Holger Apfel schaffte es mit der NPD nicht nur mit 9,3 Prozent der Stimmen knapp hinter der SPD in den sächsischen Landtag, sein Auftritt im ZDF war der „Bild“-Zeitung am Montag sogar die Titelschlagzeile „Nazi-Eklat im ZDF-Studio“ wert. Was war geschehen? Bettina Schausten hatte den NPD-Spitzenkandidaten Apfel mit den Worten „Herr Apfel, wann sagen Sie den Wählern eigentlich, daß sie Neonazi sind?“ begrüßt. Auf diese durchaus berechtigte Frage kam dann, was kommen mußte. „Heute ist ein großartiger Tag für alle Deutschen, die noch Deutsche seien wollten.“ Und so weiter. Die anderen Politiker verließen das Studio. „Seien Sie bitte still, seien Sie bitte still“, forderte schließlich Bettina Schausten mit einem Anflug von Verzweiflung.

Noch lächerlich oder schon gefährlich?

Auch in der ARD hatte der dreist auftretende Populist bereits den „grandiosen Sieg für das deutsche Volk“ verkündet und dem souveränen MDR-Mann Wolfgang Kenntemich „keine allzu gute Kinderstube“ vorgehalten. Apfel präsentierte sich im Gegensatz zu den meisten seiner Gesinnungsgenossen von Republikanern, DVU, NPD gut vorbereitet auf die Fragen der Journalisten. Er geriet zwar ins Schwitzen, aber nicht ins Stottern. Nutzte die gebotene Bühne, um seine - für die meisten Zuschauer freilich abschreckenden - Parolen zu verbreiten.

Wie vor noch gar nicht allzu langer Zeit Ronald Schill in Hamburg wandelt auch Apfel in Sachsen auf einem Grat. Ist er noch lächerlich oder schon gefährlich? Das Fernsehen konnte diese Frage am Wahlabend nicht beantworten. Hoffentlich trifft Holger Apfel in nicht allzu ferner Zukunft Ronald Schill im südamerikanischen Exil, das wünschen sich sicherlich auch die Kollegen vom Fernsehen.

Text: @phi
Bildmaterial: FAZ.NET

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