Aufblende

Biedermänner im Weltall

Von Karl Korn

Durchblick in Kubricks “2001“

Durchblick in Kubricks "2001"

22. Februar 2001  Die Science-Fiction-Produktion der MGM „2001-Odyssee im Weltraum“ des vierzigjährigen amerikanischen Regisseurs Stanley Kubrick liefert ein Exempel zu der These des kanadischen kulturphilosophischen Modedenkers McLuhan.

Der Film, der zu Weihnachten in die Kinos der deutschen Großstädte kommt, ist im Sinne McLuhans eine Botschaft. Freilich eine ungewöhnliche. Das Medium Film selbst ist die Botschaft. Zwar bietet MGM seinen Konsumenten auch filmische Stories an. Aber diese Stories werden nicht durchgehalten. Sie fallen gleichsam ins Bodenlose des Weltraums. Der eigentliche Inhalt ist die Suggestion des Schwebens und Fahrens, der Verlust des normalen Sensoriums von Oben und Unten, im Unendlichen, die Entrückung.

Ein Gefühl der Bodenlosigkeit

Der Betrachter wird mittels der gekrümmten Leinwand und faszinierender Tricks auch zerebral in einen Zustand versetzt, der aus dem Verlust der Schwere resultieren mag. Eine Stewardess im Raumschiff gleitet durch einen Gang, wie er aus den Kabinen moderner Jet-Flugzeuge vertraut ist. Unversehens gleitet sie die Wand eines Raums hinauf, der einem Windkanal ähnelt und verschwindet, den Kopf nach unten, durch eine Tür. Durch den fließenden Wechsel von Innen -und Außenaufnahmen - das Außen ist das schwindelerregende dunkle Universum - erzeugt der Film das Gefühl der Bodenlosigkeit.

Auf diese Empfindung ist der Mensch durch die Bilder von Tiefseetauchern vorbereitet. Kubrick übersetzt sie in die planetarische Dimension. Der Versuch eines Kosmonauten, aus dem zum Jupiter mit Hunderttausenden Stundenkilometern fahrenden Raumschiff mittels einer Gondel auszusteigen, ist weniger um der Story willen interessant als durch die reine Demonstration des schwerelosen Schwebens und Fallens, wobei der Fall keinen andere Bezugspunkt hat als Gondel und Schiff.

Faszinierende Melancholie

Der Film ist inmitten anderer, dem Thema nach verwandter Streifen, ein Unikum, weil er die Fiction aus dem, was wissenschaftlich und technisch bereits gesichert und realisiert ist, entwickelt. Dadurch entsteht ein Interesse, das mehr ist als eine Sensation. So auch wird auf die Zutat erotischer Reizmomente völlig verzichtet. Den Betrachter befällt faszinierende Melancholie, schlimmer und erregender als Einsamkeit in Manhattan.

Das Unendliche ist dunkel. Das Leben der Männer in silbermatten Raumanzügen findet unter dem Flutlicht der Neonlampen statt. Elektronik kämpft gegen Finsternis - aber der Daseinshorizont bleibt schrecklich dunkel wie zu Beginn der Schöpfung. Auf dem Mondkrater stapft eine Kolonne mit den eigentümlich rudernden Bewegungen der Schwerelosigkeit zu einer Mondstadt. Sie ist unterirdisch und schauerlich verschlossen. Geheime Kommandosache.

Das Manko der Walzerklänge

Im Mondschiff und gar in dem metallischen Flugkörper, der zum Jupiter fährt, ist der Mensch ungeheuer einsam. Der Computer, der überall seine Augen und Hörmuscheln hat, ist der große unbekannte Bruder, mit dem sich die Kosmonauten verzweifelt auseinandersetzen. Ein Superman, dessen Gehirn nicht nur mit Intelligenz und Gedächtnis aufgeladen ist, hat Gefühl Selbstbewusstsein und Aggressionsmöglichkeiten in sich gespeichert. Der Konflikt endet in dem verzweifelten Versuch der Männer, die Elemente des Computergehirns auszuschalten.

Einer geht in seiner Gondel verloren. Das Schiff gleitet unter Walzerklängen, die ironisch zu deuten dem Betrachter überlassen wird, was ein Mangel ist, auf seinem Kurs weiter. Eine Freizeit sieht so aus, dass einer nackt unter der Höhensonne liegend den Fernsehschirm anschaltet und mit seinen Eltern nichtssagende Sätze und kleinbürgerliche Geburtstagswünsche austauscht.

Nicht frei von stumpfer Geistlosigkeit

In solchen und verwandten Szenen wird deutlich, dass der Film bei all seinen faszinierenden technischen Zaubertricks von stumpfer Geistlosigkeit nicht loskommt. Das Bewusstsein 2001 ist noch so bieder und unerweckt, dass die kühn plakatierte Jahreszahl ein nicht eingelöstes Versprechen bleibt. Oder wollte Herr Kubrick, von dem MGM wissen lässt, dass er ein Skeptiker und Pessimist gar sei, demonstrieren, dass die Menschen um so langweiliger und einfältiger werden, je weiter sie in die Zukunft gelangen?

Die Vermutung wird vollends wahrscheinlich, wenn man die Schlusskapitel der Reise ins dritte Jahrtausend einbezieht. Bei der Annäherung an den Jupiter lässt Kubrick die banale Innenwelt des Raumschiffs, in dem drei durch Einfrierung auf Eis gelegte Wissenschaftler wegen des Computerausfalls eingegangen sind, hinter sich. Der Film bietet volle Sequenzen reiner abstrakter Lichtspiele. Kühne Lichtexplosionen sind zu einer Folge montiert, die das Motiv des kosmischen Lichts als eine Phantasmagorie erscheinen lassen.

Super-Konditorei im Empire-Stil

Doch das ist kein Filmschluss im herkömmlichen Sinne. Die Stories von dem auf dem Mond entdeckten geheimnisvollen schwarzen Meteoriten und der Katastrophe des Computerausfalls stehen oder schweben auch dramaturgisch irgendwo im Raum. Der Versuch, wenigstens auf eine „handelnde“ Figur zurückzugreifen, wird in einer Szenerie versucht, die surrealistisch gemeint und schlicht kitschig ausgefallen ist.

Der Raumschiff-Kommodore tritt aus der eigenen erlebten Zeit in seinen eigenen Tod ein. Das vollzieht sich in einem Interieur, das als Schloss gemeint ist und architektonisch und ornamental eher an eine ausgeräumte Super-Konditorei im Empire-Stil denken lässt. Plötzlich versagt der Mut zu filmischer Verwandlung. Ein traumhaft überwirkliches, ein im Wortsinn zauberisches Motiv wird für den Geschmack der Fifth Avenue banal vordergründig zurechtgemacht, Hollywood hat doch gesiegt.

Ein Film wie eine Halluzination

Im filmischen Äther schwebt symbolisch oder magisch jener schwarze Meteorit, über den nachzudenken sich um so weniger lohnt, als er höchst kurios bereits in der Affen-Ouvertüre zum Stein der weisen Anthropoiden aufgemöbelt worden war. Doch treffen solche und mögliche andere Einwände das Inhaltliche und gehen an dem vorbei, was der Film leistet. Er versetzt in einen Wachtraum oder in eine Halluzination. Das Technologische wird zum Vehikel der Verwandlung des Sensoriums.

Der Film antizipiert, weil er an wissenschaftliche Erkenntnisse und die reale Erfahrung anknüpfen kann, die Epoche. Er versetzt magisch in eine Zeit, die hinter der Jahrtausendschwelle liegt. Die Optik des Films reißt den Betrachter nicht nur in die unbekannte Dimension der Astronautik, sie vermittelt medial einen neuen Bewegungsrhythmus. Dass Kubrick Straußsche Walzer und elektronische Klänge zur akustischen Illustration verwandte, trägt zu dem Gesamteindruck von Melancholie und Verzauberung nicht wenig bei.

Karl Korn (1908-91), einer der bedeutendsten deutschen Feuilletonisten der Nachkriegszeit, war von 1949 bis 1973 als Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zuständig für das Feuilleton. Zu seinen Buchveröffentlichungen gehörten „Sprache in der verwalteten Welt“ (1958) und die Studie „Zola in seiner Zeit“ (1980).

Die Filmbesprechung von „2001-Odyssee im Weltraum“ erschien am 13. Dezember 1968 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.



Text: @hc

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