Kino

Stürzt den Tyrannen!

Von Heinrich Wefing

07. August 2003 Manche Kritiker haben dem von Bob Dylan geschriebenen und von Larry Charles inszenierten Film "Masked and Anonymous", der seit ein paar Tagen in amerikanischen Kinos zu sehen ist, untergründigen Rassismus vorgeworfen. Die Geschichte - oder was dafür durchgehen muß - ist im verschwitzten Süden einer namenlosen Republik angesiedelt, vielleicht die Vereinigten Staaten der Zukunft, vielleicht ein Kalifornien nach mehrfacher Abwahl seines Gouverneurs, ein Gemeinwesen jedenfalls, das im Chaos versinkt.

Der feiste Diktator liegt im Sterben, seine Gegner schmachten in Kellerlöchern, das Land geht vor die abgemagerten Straßen-Hunde, und durch die Innenstädte ziehen Horden junger Schwarzer und Latinos mit halbautomatischen Waffen.

Lebhaft wie bemaltes Holz

Es sei der Albtraum eines alten weißen Mannes, den die Aussicht auf die Zukunft nervös werden lasse, schrieb ein Rezensent über den Film. Schon wahr, Dylan, der so etwas wie die Hauptrolle spielt, ist alt geworden, seine Gesichtsmuskulatur scheint weitgehend degeneriert oder jedenfalls so sehr eingetrocknet, daß auch ein bemaltes Stück Holz durch die Kulissen getragen werden könnte, ohne daß dem Film viel Lebhaftigkeit verlorenginge. Aber Rassismus?

Zu viel der Ehre für dieses Desaster. "Masked and Anonymous" ist so fremdenfeindlich wie das Schnarchen eines Betrunkenen, so politisch wie das sabbernde Gebrabbel eines Halluzinierenden. Nichts spricht dafür, daß dieses mäandernde Delirium, diese greisenhafte Selbstbespiegelung eines ehedem genialischen Künstlers, irgend etwas anderes ist als ein Monument der Eitelkeit Bob Dylans.

Bitte, Ms. Bassett

Dessen Ehrgeiz bestand offenbar nicht darin, eine halbwegs schlüssige Geschichte zu erzählen, sondern sich weitgehend selbst zu spielen, ganz ohne Maske oder Anonymität, beinahe ununterbrochen im Bild zu sein, so viele nebelige Aphorismen zwischen den dünnen Lippen hervorzuwürgen wie möglich und einen Haufen Hollywood-Stars um sich zu haben. Was Jeff Bridges, Penelope Cruz, John Goodman, Jessica Lange oder Mickey Rourke in diese Produktion getrieben haben könnte, ist ähnlich rätselhaft wie der Plot - und genauso bedeutungslos. Vielleicht wollten sie einfach nur einmal einen Film mit Dylan machen und hätten dafür wohl auch in Kauf genommen, wenn das Drehbuch in Bantu verfaßt worden wäre (vielleicht war es das sogar).

In einer Szene kurz vor Schluß bietet Angela Bassett als Gespielin des sterbenden Tyrannen Dylan an, etwas für ihn zu tun. Ihr Nachthemd und ihr Dekolleté lassen keinen Zweifel daran, worin der Gunstbeweis bestehen dürfte. "Laß mich etwas für dich tun", schnurrt die Schöne. Dylan schaut sie an und ist für eine Weile still. Welche Wohltat. Warum nur konnte Ms. Bassett nicht früher auftreten und uns allen einen Gefallen tun?



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.08.2003, Nr. 181 / Seite 36
Bildmaterial: AFPI

 
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