02. Juni 2003 Sie sind zu beneiden, die Studenten der Theaterkünste an der Universität der Künste zu Berlin. Bernhard Victor Christoph Carl von Bülow, nun Honorarprofessor ebenda, wird sie im kommenden Wintersemester in der Herstellung von Komik aus menschlichen Katastrophen und "humoraler Psychologie" (Peter Wapnewski) unterweisen.
Man fragt sich, warum die "angehende Lehrkraft" (Loriot) fast achtzig Jahre alt werden mußte, bis das gelang. Er soll aus ebendiesem Grunde gezögert haben zuzusagen, mit Verweis auf einen Vertrag, den er mit seinem Körper abgeschlossen habe und der es ihm eigentlich verbiete, noch einmal eine öffentliche Verpflichtung anzunehmen. Als er es doch tat - "in einem Moment absoluter Schwäche hat mich der Pfeil der Universität der Künste getroffen" -, löste er Begeisterung und Freudengeschrei aus.
Bei Studenten wie Dozenten, versicherte Harald Clemen, Schauspielprofessor an der UdK, als er den neuen Kollegen am Sonntag zur akademischen Feierstunde anläßlich seiner Ernennung "in unserem Kreis" begrüßte. Der Saal war überfüllt und heiter gestimmt, was nur insofern verwundern muß, da das Zentrum Berlins, in dessen Mitte auch die UdK liegt, an diesem Vormittag im Chaos des zu Ende gehenden Kirchentages, etlicher Großveranstaltungen sportlicher und parteipolitischer Art und dazugehöriger Straßensperren unterzugehen drohte.
Nichts davon zu spüren im Konzertsaal an der Fasanenstraße. Dort pries der Literaturwissenschaftler Peter Wapnewski seinen Freund Loriot in "dessen neuer und verklärter Gestalt" als "großen Aufklärer und Lehrer". Loriot übertreffe alles, "was je im Bereich seines Genres Wirkung erzielte". Er sei die "Inkarnation der allem Lernen vorausgehenden Forderung, ridens dicere verum: im Lachen die Wahrheit zu sagen, die Wahrheit dem Lachen preiszugeben, im Lachen die Wahrheit zu enthüllen".
Neben Peter Wapnewski hat auch Walter Jens Loriots Berufung zum Ehrengelehrten in einem gewissenhaften, elf Zeilen langen Gutachten befürwortet. Er empfahl den Künstler und bekennenden Spötter, der die kleine satirische Form zum Großereignis entwickelt hat, als "grundgescheiten und umfassend belesenen Praktiker und maître grandparleur".
Der Gepriesene nahm alles mit vergnügter Gelassenheit hin, Peter Wapnewskis Verweise auf Loriots hohe Bildung und Gelehrsamkeit konterkarierte dieser mit feiner Ironie. Seine Prüfung als Hochschullehrer hatte Loriot schon 1999 bestanden, als er vor den Erstsemestern der Freien Universität eine Immatrikulationsrede über das Alter hielt, die diese Jugend so ernst nahm, wie Loriots Rede komisch war. Die Studenten feierten ihn wie einen Star, allerdings einen, von dem sie sich gern belehren ließen.
So weit ist es gestern nicht gekommen, doch immerhin gelang es Professor Loriot mit einigen wenigen Sätzen und sanftem Humor auch in der UdK, die sich im Saal ausbreitende Feierlichkeit in Gelächter aufzulösen. Er bedankte sich artig für "diese ehrenvolle Aufgabe meiner späten Jahre" und dafür, daß seine Altersgruppe damit akademisch aufgewertet worden sei. Sodann unterrichtete er seine Zuhörer ausführlich, "woher" er gekommen sei: vom Savignyplatz durch die Carmerstraße, "und so war ich eigentlich schon da". Nach nicht einmal fünf Minuten war Schluß. "Noch Fragen?" rief Loriot. Schlußapplaus, anhaltend und stehend.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.06.2003, Nr. 126 / Seite 42
Bildmaterial: dpa
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