Irak

Im Namen Allahs, des Barmherzigen . . .

Von Souad Mekhennet

Demonstranten schwören Saddam ewige Treue

Demonstranten schwören Saddam ewige Treue

20. März 2003 Als die ersten Marschflugkörper in Bagdad einschlugen, winkte Saddam Hussein singenden Kindern zu. Er schoß mit einem Gewehr in die Luft und ritt auf einem Schimmel. Diese Bilder jedenfalls zeigte das staatliche irakische Fernsehen gegen 3.40 Uhr, als der Krieg begann. In einem Lied, das abgespielt wurde, lobte eine Sängerin die Stärke des Präsidenten, seine Großzügigkeit und Gerechtigkeit: "Er ist der wahre Führer."

Danach folgten Bilder von Demonstranten, die in Chören ihrem Führer ewige Treue schworen. Es waren vor allem ältere Männer, die alte Kalaschnikows trugen. In ihren Reihen waren auch einige Uniformierte, die mit Handbewegungen die Gruppe aufforderten, lauter zu sprechen. Diese Aufnahmen hatte das Fernsehen jedoch bereits am Vorabend in den Nachrichten ausgestrahlt. Die darauffolgende Meldung handelte von einem Brief, den der Außenminister Naji Sabri dem UN-Generalsekretär Kofi Annan geschrieben hatte. Der Nachrichtensprecher verlas den gesamten Brief. Darin warf der Außenminister den Vereinten Nationen Versagen vor. Sie ließen zu, daß das Volk des Irak vor einem Angriff nicht bewahrt werde.

Live aus dem Zentrum von Bagdad

Hätten die Iraker am Tag des Kriegsbeginns die Möglichkeit gehabt, Satellitenfernsehen zu empfangen, wären sie auf "Al Dschasira" relativ schnell informiert gewesen, doch den Irakern ist es verboten, Satellitenschüsseln zu installieren. Als der Krieg im Irak begann, schaltete der in Katar ansässige Sender direkt zu seinem Korrespondenten, dem Palästinenser Majid Abdelhadi in Bagdad. Dieser gab der arabischen Welt den Beginn des Krieges just in dem Augenblick kund, als in Bagdad Marschflugkörper explodierten. Bei "Al Dschasira" taten sie das in Ton und Bild.

"Unser Korrespondent ist im Zentrum von Bagdad", sagte der Moderator. Der Reporter Abdelhadi trug einen Helm und befand sich in Bagdad im Freien. Hinter ihm sah man Blitze und hörte lautes Knallen. Mit zittriger Stimme sagte der Korrespondent: "Ich höre Explosionen, wahrscheinlich hat eine Rakete hier eingeschlagen. Ich höre auch die Flugabwehr der Irakis. Ich weiß nicht, ob die Angriffe von Flugzeugen kamen." Kurz darauf wurde der im Nordirak in Mosul ansässige Mohammed Khair El Bourini zugeschaltet und erklärte, daß dort die Lage ruhig sei.

Al Dschasira darf aus Kuweit nicht berichten

Der neue Stern am arabischen Nachrichtenhimmel "Al Arabija" konnte am ersten Kriegstag noch nicht so strahlen wie die Konkurrenz von "Al Dschasira". Hier gab es nur Bilder der Standkamera zu sehen, die das irakische Kommunikationsministerium den internationalen Medien zur Verfügung gestellt hatte. Später kamen Bilder von CNN hinzu. Telefonisch wurden Korrespondenten aus dem Norden Iraks und Kuweits zugeschaltet. Aus Kuweit wiederum kann "Al Dschasira" nicht berichten. Ein Korrespondent hatte vor dem Krieg in einem Beitrag mitgeteilt, daß im nördlichen Drittel Kuweits die Bevölkerung umgesiedelt worden sei, damit die amerikanischen Soldaten ihre Manöver dort abhalten konnten. Daraufhin wurde dem Journalisten die Lizenz entzogen, das Büro von "Al Dschasira" wurde geschlossen. So hat "Al Arabija" zumindest in Kuweit - journalistisch - die Oberhand.

Doch konnte "Al Dschasira" direkt aus der Kommandozentrale der amerikanischen Streitkräfte einen Korrespondenten zuschalten. Er ist einer der wenigen Journalisten, die von dort aus berichten dürfen, auch wenn es an dem Tag des Angriffs aus Katar nichts zu berichten gab.

„Lang lebe unser Präsident“

Erst um 6.30 Uhr strahlte das irakische Fernsehen eine Ansprache des Informationsministers Mohammad Said Asahaf aus. Er trug eine dunkelgrüne Uniform und verkündete den Irakern, der Krieg habe begonnen: "Geliebtes irakisches Volk, heute ist der große Dschihad ausgebrochen. Heute geht es um die Freiheit unseres Volkes. Wir müssen uns gegen die Unterdrücker und die Verbrecher aus Amerika und Großbritannien wehren. Lang lebe unser Präsident Saddam Hussein, der sich jetzt an sein geliebtes Volk wenden wird." Daraufhin wurden nochmals Bilder des winkenden Saddam Husseins gezeigt, gefolgt von einer Rede des irakischen Präsidenten.

Die Aufnahme erfolgte offensichtlich an einem anderen Ort als die des Informationsministers. Saddam Hussein trat vor einem blauen Vorhang mit goldenen Stickereien auf. Ob die Rede live oder vorab aufgezeichnet war, ist nicht bekannt. Der Diktator trug dunkelgrüne Uniform und eine selten gesehene Lesebrille. Von einem Block las er die Worte ab, die er an sein Volk richtete. Für die irakische Bevölkerung aber hatte die Rede zunächst nur etwa fünf Worte: Die Übertragung brach plötzlich ab. Und so bekamen die Iraker nur mit: "Im Namen Allahs, des Barmherzigen."

Sind die Amerikaner schuld?

Nun wird darüber spekuliert, ob und wie die Amerikaner die Übertragung gestört haben könnten. Die Zuschauer von "Al Dschasira" und "Al Arabija" bekamen die gesamte Rede zu sehen, in welcher den "Unterdrückern" aus den Vereinigten Staaten und Großbritannien der Krieg erklärt wird. Der Irak werde siegen und bis zum Ende kämpfen: "Allah ist größer, Allah ist größer, Allah schütze unser Land, Allah ist größer. Lang lebe der Irak und Palästina. Allah ist größer und zerstöre die Verbrecher. Allah ist größer und lang lebe der Irak und lang lebe Palästina."

Gegen acht Uhr morgens strahlte das irakische Fernsehen wieder Bilder aus. Auch diesmal waren es Aufnahmen vom Vortag: ältere Männer, die ihrem Präsidenten ewige Treue versprechen. Es folgte abermals ein mit Musik unterlegter Film, der Saddam Hussein in jungen Jahren zeigt, als er noch keine Brille brauchte, um seine Rede abzulesen.

Donnerstag mittag zeigte das irakische Fernsehen erste Bilder von verletzten Kindern und Erwachsenen. Sie liegen in Krankenhausbetten, sind von blutigen Wunden gezeichnet, werden von Ärzten betreut. Es sei ein Zivilist getötet, mehrere Menschen seien verletzt worden, meldete das Fernsehen. Danach folgten wieder Lieder über den "großen Führer Saddam."

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.03.2003, Nr. 68 / Seite 40
Bildmaterial: AP

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