Schauspieler

Denken macht schön

Von Michael Althen

10. März 2003 Zweifellos hätte es eine Menge besserer Gründe gegeben, auf Julianne Moore aufmerksam zu werden, aber es ist nun mal so, daß sich nichts so sehr in der Erinnerung verfangen hat wie ihr Auftritt in "Short Cuts", wo sie nur einen Pullover anhat und zeigt, daß sie wirklich überall rothaarig ist. Natürlich war es nicht ihr Schamhaar, das ihren Ruhm begründete, auch wenn dessen Anblick im amerikanischen Kino tabu ist, sondern die Tatsache, daß sie die letzte Schauspielerin ist, der man diese Blöße zugetraut hätte. Wo das Kino sonst zu solchen Einblicken einlädt, hatte man hier das ungute Gefühl, Zeuge von etwas zu werden, das für die Öffentlichkeit nicht bestimmt ist.

Das Geheimnis großer Karrieren

Womöglich verdankte sich die sonderbare Anziehungskraft der Situation auch nur dem Umstand, daß Julianne Moore in dieser Szene ihrem untreuen Mann einen Seitensprung gesteht und ihre Nacktheit in diesem Moment eine besonders perfide Form der Rache ist. Aber auch das gehört zu den Geheimnissen großer Karrieren: daß jemand zur rechten Zeit am rechten Ort ist. Das trifft, was Julianne Moore angeht, ganz besonders für das vergangene Jahr zu, in dem sie in zwei Filmen auftrat, die ihr beide eine Oscar-Nominierung eingebracht haben: für die beste Hauptrolle in "Dem Himmel so fern", der diese Woche startet, und für die beste Nebenrolle in "The Hours - Von Ewigkeit zu Ewigkeit", der am 27. März in unsere Kinos kommt.

In der 75jährigen Geschichte der Oscars hat es erst acht Doppelnominierungen gegeben. Und unabhängig davon, was die Academy am 23. März entscheidet, kann man sagen, daß keine Schauspielerin einen Sieg so verdient hätte wie Moore, die im Alter von 42 Jahren mit diesen beiden Rollen auf der Höhe ihrer Kunst angelangt ist.

Julianne Moore war schon zweimal nominiert, als Ex-Pornostar in "Boogie Nights" und als Geliebte in "Das Ende einer Affäre", sie hat an der Seite von Sylvester Stallone in "Assassins" und mit anderen Dinosauriern in "Lost World" gespielt, war als Dora Maar in "Picasso" zu sehen und als Jodie Foster in "Hannibal". Aber kurioserweise sind ausgerechnet die Figuren, für die sie diesmal nominiert ist, einander so ähnlich wie keine zwei anderen Rollen in ihrer Karriere.

Ihre Episode in "The Hours" spielt im Los Angeles des Jahres 1951, "Far from Heaven" ist sechs Jahre später in Hartford, Connecticut, angesiedelt, und Julianne Moore gibt beide Male die dressierte Frau, die ihren emotionalen Bedürfnissen so entfremdet ist, daß sie sich wie eine Marionette durchs eigene Leben bewegt - bis sie versucht, die Fäden zu durchtrennen. Und doch hat man den Eindruck, daß die beiden Frauen so verschieden sind, daß sie einander auf der Straße nicht erkennen würden, wenn sie sich begegneten.

The Hours

Die eine heißt Laura Brown, und wenn wir ihr in "The Hours" zum ersten Mal begegnen, ist sie zum zweiten Mal schwanger und damit befaßt, mit ihrem kleinen Sohn zusammen dem etwas betulichen Ehemann (John C. Reilly) zum Geburtstag einen Kuchen zu backen. Aber so wie sich die Zutaten nicht mehr zum Kuchen fügen wollen, so scheinen die häuslichen Verrichtungen keinen Alltag mehr zu ergeben. Laura wirkt wie eine Aufziehpuppe, deren Feder ausgeleiert ist. Als ihr Sohn sie auf einer Autofahrt anblickt und gesteht, er habe sie lieb, scheint sie aus einem Tagtraum zu erwachen, und ihrer Antwort, sie liebe ihn auch, hört man an, daß ihr völlig entglitten ist, wovon sie da redet.

So kommt es nicht überraschend, daß sie den Sohn irgendwann bei einer Nachbarin absetzt, ein Motelzimmer mietet, "Mrs. Dalloway" von Virginia Woolf liest und beschließt, einen Schlußstrich zu ziehen. Regisseur Stephen Daldry hat für ihren Zustand ein gewaltiges Bild gefunden: Man sieht Laura auf dem Bett liegen, das wie im Albtraum langsam von steigendem Wasser überspült wird. So fühlt sich Laura, so wird sie von Julianne Moore auch gespielt.

Dem Himmel so fern

Wo Laura das schüchterne Mädchen ist, dessen späte Blüte unerkannt bleibt, da ist ihre Leidensgenossin Cathy Whitaker in "Dem Himmel so fern" eher die Klassensprecherin, die sich den attraktivsten Jungen (Dennis Quaid) geangelt und eine Familie nach dem Bilderbuch geformt hat. Ihr Mann arbeitet für einen Fernsehgerätehersteller, die Kinder sind wohlerzogen, und Cathy ist für alle Frauen im Ort Gegenstand von Neid und Bewunderung.

So leben sie unter ihrer bonbonfarbenen Glasur, bis die Welt plötzlich Risse bekommt. Cathy überrascht ihren Gatten im Büro mit einem anderen Mann und erfährt, als sie Trost bei ihrem schwarzen Gärtner (Dennis Haysbert) sucht, wie schnell sich alle von ihr abwenden. Man merkt ihr an, daß das Leben sie für eine Rolle als Außenseiterin nicht vorbereitet hat, und so wird sie von der Erkenntnis überrascht, wie wenig Rechenschaft sie in all den Jahren über sich selbst abgelegt hat, wie wenig Schutz ihr Heim bietet, wenn die Fassade weg ist.

Erst ist sie erschüttert, dann trotzig, und wenn sie am Ende tränenüberströmt auf dem Bett liegt, dann mutet das fast wie eine Befreiung an, weil sie bei allem Schmerz endlich zu einer Reaktion findet, die auf der Höhe ihrer Gefühle ist.

Auf der Leinwand denken

Die Kunst von Julianne Moore liegt in beiden Fällen darin, ihren Rollen auf Augenhöhe zu begegnen, ohne jede Herablassung auf Frauen zu blicken, welche auf eine Weise in den Konventionen der fünfziger Jahre gefangen sind, die wie eine Karikatur heutiger Verhältnisse anmuten. Die Filmhistorikerin Laura Mulvey schrieb in der britischen Filmzeitschrift "Sight & Sound" über Moore: "No modern American actress thinks better on screen." Tatsächlich ist es ein besonderes Vergnügen, ihr auf der Leinwand beim Denken zuzusehen, und dabei muß sie beide Male ihre ganze Intelligenz aufbringen, all das, was wir im Laufe des letzten halben Jahrhunderts gelernt haben, aus ihrer Darstellung auszublenden.

Dieses fehlende Wissen macht Moore aber nicht als Mangel spürbar; sie schafft es, auch im Zuschauer jede Art von rückblickender Besserwisserei zu unterdrücken. Man muß sich nur vorstellen, wie leicht es gewesen wäre, sich über diese beiden Charaktere lustig zu machen. Die meisten Schauspielerinnen hätten die historische Akkuratesse gescheut und dem Zuschauer von Zeit zu Zeit zugezwinkert. Nicht so Julianne Moore.

Schwuler Gatte und schwarzer Gärtner

So ist sie das wahre Ereignis in einem Film, der selbst schon Abenteuer genug ist. Denn Regisseur Todd Haynes, der mit Moore schon in dem grandiosen "Safe" zusammengearbeitet hat, hat die Idylle ganz im Stil von Douglas Sirks Melodramen der fünfziger Jahre inszeniert und minutiös die Welt von Filmen wie "Was der Himmel erlaubt" rekonstruiert. Wobei er aus der Tatsache, daß Rock Hudson, der damals bei Sirk den Gärtner spielte, in Wahrheit schwul war, zwei Geschichten macht: die vom schwulen Ehemann und die vom schwarzen Gärtner.

Wenn man dem Film etwas vorwerfen mag, dann jene Selbstbeschränkung, Sirks Filme nur als Blaupause zu benutzen, so daß man sich manchmal fragt, ob die Travestie allein schon Rechtfertigung genug ist. Vielleicht findet man die Antwort ja bei Fassbinder, der sich in "Angst essen Seele auf" ebenfalls seinen Reim auf Sirk gemacht und über "All That Heaven Allows" geschrieben hat: "Sonst reagieren Frauen immer, tun das, was Frauen eben tun, und hier, da denken sie. Das muß man sehen. Es ist schön, eine Frau denken zu sehen. Das gibt Hoffnung. Ehrlich." Damit wollte er Sirk vom sonstigen Stumpfsinn der fünfziger Jahre unterscheiden, daran hat sich bis heute nicht allzu viel geändert. Das Denken ist als Beschäftigung in Hollywoodfilmen heute kaum weiter verbreitet als damals. Deshalb ist es so schön, Julianne Moore denken zu sehen. Das gibt immer noch Hoffnung. Ehrlich.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 09.03.2003, Seite 23
Bildmaterial: dpa

 
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