25. Januar 2002 Jede Generation hat ihre eigenen Helden - zwischen Buchdeckel gepresst. Sie gehen ihr an Mut, Entschlossenheit und Geradlinigkeit voraus. Oder versuchen es zumindest. Anfang der 70er Jahre schickte Hunter S. Thompson sein Alter Ego Raoul Duke und dessen Anwalt Dr. Gonzo auf eine literarische Reise, um Fear and Loathing in Las Vegas zu suchen. Doch diese Helden waren müde bis zum Abwinken im Drogenrausch und delirieren durch die Handlung.
Duke und Gonzo sind die gescheiterten Helden des Hippiezeitalters, die der Drogenkultur in Prisen, Stangen und Pillen huldigen, schon weit entfernt von Weltharmonie und Nächstenliebe. Dass das Werk ein Bestseller wurde, lag weniger an seiner Vielzahl nützlicher Hinweise über unerwünschte Wechselwirkungen der gängigsten und mancher erfundener Drogen, sondern wegen der erstaunlich hellsichtigen Blicke, die Duke und Dr. Gonzo inmitten ihres Deliriums auf den amerikanischen Albtraum werfen: auf die Folgen von Vietnam, die Verzweiflung vor einarmigen Banditen in Las Vegas, die Doppelzüngigkeit der Gesetzeshüter hinter Spiegelbrillen.
Kalte Realität
Doch die Helden von damals sind fertig, aus heutiger Sicht abgewrackter denn je, denn Drogenszenarien sind heute an jedem Großstadtbahnhof zur kalten Realität geworden. Das Revival einer Extase-Fahrt Richtung Las Vegas passt trotz Retro-Zeitgeist und der Verfilmung 1998 mit Johnny Depp und Benicio Del Toro nicht mehr in die Gegenwart.
Drei Stimmen, drei Färbungen
Dass sich dennoch der Züricher Kein&Aber-Verlag gerade jetzt an eine Vertonung des 30 Jahre alten Buches machte, wundert auf den ersten Blick. Die verstrichene Zeit, die Entwicklung von Hippie zu HipHop reflektiert die Hörbuchfassung originell mit drei Sprechern, die unterschiedlichen Szenen und Zeiten angehören: Smudo (33), HipHopper der Fantastischen Vier mit Credibility-Faktor, der gegen den Strich gebürstete Schauspieler Martin Semmelrogge (46) und Günter Amendt (62), Autor des legendären Aufklärungswerks Das Sex Buch, der damit in den 70er Jahren für viele Jugendliche das Betttuch von Schlafzimmergeheimnissen zog.
Drei Stimmen, drei Färbungen: Smudo schnoddert seine Kapitel unerwartet lässig wie einen Rap-Text runter, in dem mal wieder das harte Leben zelebriert wird. Amendts reifer Stimme traut man alle beschriebenen Erfahrungen selbst zu. Semmelrogge, einziger ausgebildeter Sprecher des Trios, spült sich die Geschichte wie einen guten Scotch über die Zunge, den eingeklemmten Zigarillo zwischen den Zähnen inklusive. Sein knarziges Alkoholikerpathos wäre kaum über die fünf Stunden Spielzeit der vier CDs zu ertragen - als Wiedererkennungswert in jedem dritten Kapitel aber ist sie einfach klasse.
Wie traurig echt er dabei ist, machte er kürzlich in einem Interview deutlich: Angesprochen auf seine Angewohnheit, am Steuer nicht nur Geschwindigkeits- sondern auch Promillegrenzen zu überschreiten, bekannte er, sich bei Polizeikontrollen genau an sein Vorbild Duke zu halten: Erst mal Gas geben, vielleicht schaffst Du es, abzuhauen. Aber sofort den Blinker setzen, damit man nachher sagen kann: Ich habe nur eine gute Stelle gesucht, um anzuhalten.
Hunter S. Thompson: Fear and Loathing in Las Vegas, Hörbuch, 4 CDs, Kein & Aber, Zürich 2001, EUR 20,- / DM 39,12
Buchtitel: Fear and Loathing in Las Vegas (Hörbuch)
Buchautor: Hunter S. Thompson
Text: @mg
Bildmaterial: Kein & Aber records
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