Wellenreiter

Unlustige Begegnung der deutschen Art

Von Jörg Thomann

22. September 2004 Es gibt ja durchaus Menschen im Ausland, die uns Deutsche nicht völlig widerlich finden. Manche Leute mögen uns sogar. Sie schätzen unsere Direktheit, unsere Ernsthaftigkeit, mitunter noch immer unsere Industrieprodukte und unsere Organisation. Eines aber lieben sie zweifelsohne gar nicht: den deutschen Humor.

Woody Allen soll entsetzt gewesen sein, nachdem er in einem kleinen New Yorker Kino Sönke Wortmanns Schwulenkomödie „Der bewegte Mann“ sah, und mehr als über „Bully“ Herbigs „Schuh des Manitu“ hätten die Amerikaner sicher über unsere Karl-May-Filme der Sechziger gelacht, die dem „Schuh“ den Boden bereiteten. Wie der Rest der Welt hält uns auch Hollywood für humorlos. Und das wird wohl immer so bleiben. Jedenfalls sehen wir niemanden, der gerade daran arbeitete, dieses Bild zu korrigieren.

Ein neues Lieblingsgenre

Ganz im Gegenteil: Mit typisch deutschem Eifer bemühen sich hiesige Fernsehsender derzeit, möglicherweise noch schwankende Hollywoodstars restlos davon zu überzeugen, daß in der Tat niemand so unlustig ist wie die Deutschen. Das Aufeinandertreffen berühmter Schauspieler mit unberühmten, unlustigen Deutschen ist zu einem Lieblingsgenre der deutschen Fernsehunterhaltung geworden.

In der „Sarah-Kuttner-Show“ auf Viva zum Beispiel gibt es einen „Außenreporter“ namens Michael Wigge, den die Viva-Stimmungskanone Kuttner auf ahnungslose Prominente hetzt. Glauben die nämlich, einem ganz normalen deutschen Journalisten gegenüberzusitzen, der ihnen Fragen zu ihrem neuen Film stellt, handelt es sich bei Wigge um einen Mann mit besonderer Mission: Sekunden vor Beginn des Interviews öffnet er einen Umschlag, der ihm Anweisungen gibt, welche fünf Wörter und Gesten er ins Gespräch einfließen lassen muß.

Die Frage nach den Radieschen

So traf also am Dienstag abend Wigge auf Ben Stiller und Vince Vaughn, die angereist waren, um ihren Völkerball-Film „Dodgeball“ zu promoten. Statt ihnen die Standardfragen des Filmkritikers zu stellen, bemühte sich Wigge freilich nur, die gestellten Aufgaben zu befolgen: drei Sekunden lang einzuschlafen etwa. Oder zu schielen. Oder gänzlich themenferne Begriffe wie „Radieschen“, „Schmarotzer“ oder „Elektroschocktherapie“ loszuwerden: „In Ihrem Film hat ja David Hasselhoff mitgespielt. War das für Sie so etwas wie eine Elektroschocktherapie?“

Das ganze klang so lustig, wie es sich liest, und der einzige Reiz der Situation könnte sich aus der Reaktion der Interviewten ergeben. Ben Stiller, der seine komische Seite so sehr in seinem Filmen auszuleben scheint, daß fürs normale Leben nichts mehr übrigbleibt, guckte minütlich finsterer und schwieg, während Vaughn den Sportsmann gab, welcher den Reporter, den er für komplett überfordert hielt, permanent aufmunterte: Junge, du packst das schon.

Milla Jovovich und der Hanswurst

Noch ärgeres widerfuhr der schönen Milla Jovovich, die zur vermeintlichen Vermarktung ihres Filmes „Resident Evil 2“ auf „Elton“ traf, Stefan Raabs Hanswurst aus „TV Total“. Der faselte etwas von ihrem Großvater „Willy Millowitsch“, ließ sie den Liedtext „Schnaps, das war sein letztes Wort“ vom Blatt ablesen und stopfte sich, weil Jovovich in „Resident Evil“ gegen Zombies kämpft, Dracula-Zähne in den Mund. Komisch war der Auftritt des ewigen Untalentes Elton in keiner Sekunde; daß das Ganze halbwegs erträglich war, lag einzig und allein an Milla Jovovich.

Ganz zauberhaft, wie gelassen sie auf die Zumutungen ihres Gegenübers reagierte, entzückend, wie sie den deutschen Satz las und sang, erfrischend unverblümt, als sie die falsche Narbe, die sich Elton ins Gesicht klebte, mit einem Sexspielzeug assoziierte. Erst als der deutsche Möchtegern-Zombie eine Pille schluckte und sich Schaum aus dem Mund laufen ließ, reagierte Milla Jovovich so, wie wir es längst getan hätten: Sollte der Schleim ihre Kleidung beschmieren, teilte die Schauspielerin Elton höflich, aber bestimmt mit, dann werde sie ihm in den Hintern treten.

Der Vorzug, den solche durchs Fernsehen erzeugten Situationen haben, ist es, daß sie durchaus dem Abbau von Vorurteilen dienen können: Nicht jeder Filmstar ist so arrogant und abgehoben, wie wir es uns gern vorstellen. Leider funktioniert dieser Erkenntnisgewinn nur in der einen Richtung. Was die Schauspieler, wieder daheim in Hollywood, von den Deutschen erzählen, möchten wir uns besser nicht vorstellen. Es dürfte jedenfalls kaum für Gelächter sorgen.



Text: @jöt
Bildmaterial: FAZ.NET

 
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