Akademie der Künste

„Welch eine Chance zum großen Neuanfang!“

Stolzer Hausherr: Akademiepräsident Adolf Muschg

Stolzer Hausherr: Akademiepräsident Adolf Muschg

22. Mai 2005 Die Berliner Akademie der Künste ist an ihre historische Adresse am Brandenburger Tor zurückgekehrt. Bundespräsident Horst Köhler und Kanzler Gerhard Schröder eröffneten den Neubau am Samstag.

„In Augenhöhe mit der Macht“, wie es Akademie-Präsident Adolf Muschg formulierte, ist der Neubau in Sichtweite von Reichstag und Kanzleramt nach fünfjähriger Bauzeit feierlich eröffnet worden. Muschg nahm den von Olympia-Architekt Günter Behnisch entworfenen Neubau aus Glas und Stahl mit dem programmatischen Ausruf „Es lebe die Republik!“ in Besitz.

Moment der Muße: der Kanzler in der Akademie

Moment der Muße: der Kanzler in der Akademie

Schröder appellierte an die Mitglieder der Akademie, sich in gesellschaftliche Auseinandersetzungen einzumischen. Der Nazi-Terror habe in der 300jährigen Geschichte der Akademie eine „große Wunde“ gerissen. Der Nationalsozialismus führte nach den Worten Schröders nicht nur zu millionenfachem Leid und Tod, sondern auch zur Zerstörung kultureller Werte.

Kulturelle Verarmung

Der Antisemitismus und der Nationalsozialismus hätten zu einer „beispiellosen kulturellen Verarmung Deutschlands“ geführt. Eine „wirkliche Solidarität“ mit den Opfern habe es nicht gegeben. „Die Akademie verlor ihre moralische Autorität und gab sich selbst auf,“ erklärte Schröder. Er forderte die Akademie-Mitglieder auf, einen Beitrag für ein Leben in Freiheit, in Frieden und in Solidarität leisten. „Das ist ein unschätzbarer Gewinn für uns alle, für unser Land.“

Köhler äußerte die Hoffnung, der Bundespräsident und die Politik könnten in der Kunst und in Künstlern Verbündete finden, um strittige Fragen der Zeit zu diskutieren: einerseits die von allen geforderte Kreativität und andererseits die Bequemlichkeit eines normierten Lebens oder die ökonomischen Bedingungen, die es der Kunst schwer machten. Kulturstaatsministerin Christina Weiss sagte in ihrer Eröffnungsrede: „Ich wünsche mir, nein, ich fordere sogar, daß sich diese Akademie vernehmbar einmischt, ihren Einfluß geltend macht und weitet.“ Sätze aus der Akademie sollten in der Gesellschaft als relevant, weise und aufrüttelnd geschätzt werden.

Der ungarische Schriftsteller und frühere Akademie-Präsident György Konrad postulierte selbstbewußt das Credo der Künstlergemeinschaft: „Wir beugen uns niemandem! Wir haben niemand über uns, es sei denn den Herrgott. Wir sind frei, schrecklich frei.“ Bewegend auch der Auftritt von Walter Jens, Ehrenpräsident der Akademie und Motor des Umzugs vom idyllischen Tiergarten an den historischen Standort Pariser Platz 4. Da wurden Erinnerungen an stürmische Zeiten wach, als er mit Heiner Müller gegen heftige Widerstände die Vereinigung der West- und Ost-Berliner Akademie zum Erfolg führte. Und heute: „Welch eine Chance zum großen Neuanfang!“

Kritik an Wowereit

Akademiepräsident Adolf Muschg kritisierte Berlins Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), der es vorgezogen hatte, statt der Eröffnung das Fußballspiel von Hertha BSC gegen Hannover 96 zu besuchen, bei dem die Berliner den Einzug in die Champions League verpaßten. Das 56 Millionen Euro teure Gebäude zwischen Brandenburger Tor und dem Holocaust-Mahnmal wurde von den Architekten Günter Behnisch und Werner Durth entworfen.

Die Akademie mit ihren 370 Mitgliedern aus aller Welt hat sechs Sektionen: Bildende Kunst, Baukunst, Musik, Literatur, Darstellende Kunst sowie Film- und Medienkunst. Alle sechs Sektionen vergeben turnusmäßig den Kunstpreis Berlin. Der Bund hat die Akademie der Künste, die bis dahin eine Einrichtung der Länder Berlin und Brandenburg war, im Januar 2004 in seine Trägerschaft übernommen. Die Öffentlichkeit kann die Räume ab dem 27. Mai besuchen.

An demselben Platz war am 1. Januar 1907 die Königliche Akademie der Künste eröffnet worden. Von 1920 bis 1932 war sie unter der Präsidentschaft von Max Liebermann ein herausragender Ort für das künstlerische Leben in Berlin. Von den Nationalsozialisten wurde 1937 die Räumung des Hauses erzwungen, im Krieg ist das Gebäude stark zerstört worden. Mit dem neuen Gebäude ist auch die Gestaltung des Pariser Platzes so gut wie abgeschlossen. Die letzte Baulücke soll vom Gebäude der amerikanischen Botschaft in unmittelbarer Nähe gefüllt werden, dessen Fundamente derzeit gelegt werden.

Text: FAZ.NET mit Material von AP, dpa
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb

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