Kulturdialog

Der Report

Von Mark Siemons

06. April 2004 "Kulturdialog" beruhigt. Niemand wird es für überflüssig halten, daß nach dem 11. September 2001 im Auswärtigen Amt eine Stelle für den Dialog mit der islamischen Welt eingerichtet wurde. Doch bisweilen kann man den Eindruck gewinnen, daß all die gelehrten Kongresse und künstlerischen Projekte, die sich seither über Religionen, Werte und demokratische Grundsätze verständigen, ins Leere laufen, wenn sie zugleich von der realen Politik und Kriegsführung unterminiert werden.

Kulturen bilden und verändern sich eben nicht in einem abgeschiedenen kulturellen Bezirk, sondern nicht zuletzt durch politische und wirtschaftliche Verhältnisse. Daher funktioniert die globale Kommunikationsgesellschaft auch keineswegs so einheitlich und keimfrei wie etwa der internationale Aktienmarkt. Ein dialogbereiter Westler wie der CDU-Politiker Wulff, der kürzlich Lichterketten von Muslimen gegen den Terrorismus vermißte, muß feststellen, daß ihm offenkundig das öffentliche Gegenüber fehlt, mit dem man zu einer vernünftigen diskursiven Einigung kommen kann.

Eine authentisch muslimische Stimme

Insofern ist der "Report", den gestern das "Institut für Auslandsbeziehungen" (ifa) vorgestellt hat, in seiner Bedeutung gar nicht hoch genug einzuschätzen (im Internet unter www.ifa.de in deutscher, englischer und arabischer Sprache). Diesen Bericht mit dem Titel "Der Westen und die islamische Welt" haben nämlich nicht gutwillige und einfühlungsbereite westliche Dialogexperten verfaßt, sondern sechs muslimische Wissenschaftler und Journalisten, die bislang auf den einschlägigen Podien nicht vertreten waren. Man hat bei diesem vom ifa mit Mitteln des Auswärtigen Amts herausgegebenen Dokument also den seltenen Fall, daß sich eine authentisch muslimische Stimme in einer dem Westen vertrauten diskursiven Form artikuliert. Es sei für sie eine Überraschung gewesen, schreiben die Autoren, daß sie "eine bemerkenswerte Ähnlichkeit in ihren Auffassungen über grundlegende Fragen" festgestellt hätten.

Das ist um so erstaunlicher, als Herkommen, Tätigkeit und Alter der Verfasser tatsächlich sehr verschieden sind: Es handelt sich um die Kritikerin und Schriftstellerin Salwa Bakr aus Kairo, den Politologen Basem Ezbidi aus Nablus in den palästinensischen Autonomiegebieten, den Diplomaten und Politikberater Dato' Mohammed Jawhar Hassan aus Malaysia, den Islam- und Rechtswissenschaftler Fikret Karcic aus Sarajevo, die Theaterwissenschaftlerin Hanan Kassab-Hassan aus Damaskus und Beirut, den Journalisten und Filmemacher Mazhar Zaidi aus Pakistan. Sie haben sich einmal in Kairo und einmal in Frankfurt am Main getroffen und schließlich auf einen gemeinsamen Text verständigt.

Desolate politische, ökonomische und soziale Lage

Der Bericht beschäftigt sich mit den kommunikativen Schieflagen im beiderseitigen Verhältnis und deren politischen Gründen. Er weist darauf hin, daß erst vor relativ kurzer Zeit die Religion - der Islam - zu einem immer wichtigeren Element in der Beziehung wurde, während vorher eher ethnische, kulturelle und politische Motive im Vordergrund standen. Daher führe es in die Irre, den Islam für alle Konflikte verantwortlich zu machen und ihn dabei mit einer bestimmten "Zivilisation" zu identifizieren, anstatt ihn als die alle Grenzen transzendierende Religion anzuerkennen, die er sei (was im übrigen auch für das Christentum gelte).

Es komme darauf an, die Heterogenität der "islamischen Welt" genauso zu akzeptieren wie diejenige "des Westens". Eine fatale Rolle für die Herausbildung von Ressentiments spiele die falsche Identifikation der "Moderne" mit dem Westen und dessen spezifischem Lebensstil; die Autoren bestehen auf der Möglichkeit einer "islamischen Moderne", meinen aber: "Der Westen scheint große Probleme zu haben, Differenzen zu akzeptieren."

Zum weitverbreiteten Gefühl der Demütigung trage auch bei, daß die meisten muslimischen Länder aufgrund ihrer desolaten politischen, ökonomischen und sozialen Lage in der Staatengemeinschaft keine Stimme hätten, die ernst genommen werde. Dadurch wachse die Abhängigkeit vom Westen, insbesondere von den Vereinigten Staaten, immer mehr. Die Unterentwicklung sei zum großen Teil auf die miserable Regierung in den Ländern zurückzuführen, der Zorn darüber aber richte sich vor allem gegen den Westen. Dieser nähre selbst die Ressentiments durch seine "doppelten Standards"; indem er eigennützige Kriege führe und undemokratische Regime fördere, wende er die politischen Prinzipien, die er für sich in Anspruch nimmt, in seiner Außenpolitik nicht an. Wohl dem Auftraggeber geschuldet, regen die Autoren am Ende mehr "interkulturelle Initiativen" an; als die neuralgischen Punkte aber betrachten sie die Lösung der Palästinafrage, den Irak und die weitere Strategie der Vereinigten Staaten.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.04.2004, Nr. 83 / Seite 38

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