Fernsehjournalismus

„Den Sendern fehlt Risikofreude“

Politmagazine wie „Monitor” mit Sonia Mikich haben einen schweren Stand

Politmagazine wie „Monitor” mit Sonia Mikich haben einen schweren Stand

09. November 2005 Der politische Fernsehjournalismus in Deutschland hat nach einer aktuellen Studie „seit Jahren nichts wirklich Neues mehr hervorgebracht“. Die strukturellen Ursachen dafür sind nach Ansicht des Autors Fritz Wolf „rigide Quotenorientierung, fehlender Mut zum Risiko und zur Innovation, die 'Diktatur des audience flow' sowie unflexible Programmschemata“.

Der Medienjournalist Wolf hatte die Studie zur „Formatentwicklung im politischen Fernsehjournalismus“ im Auftrag des Mainzer Medien-Disputs angefertigt, wo sie am Mittwoch abend vorgestellt werden sollte. Kontroverse und politisch brisante Themen spielen laut Analyse auf den Dokumentationsplätzen von ARD und ZDF zur „Prime Time“ - zwischen 20.15 und 22.30 Uhr - kaum noch eine Rolle. „Stattdessen werden diese Sendeplätze mehrheitlich mit vermeintlich quotensicheren Mehrteilern bestückt, die mehr den Unterhaltungsstoff im Auge haben als Aufklärung und Hintergrund-Information.“

Kürzung kritisiert

Thomas Leif von der Projektgruppe des Medien-Disputs erläuterte: „Mit der Studie zur Formatentwicklung verbinden wir das Ziel, kreative Impulse für Programm-Innovationen zu geben und mehr Risikofreudigkeit bei der Gestaltung neuer Sendeformate anzumahnen.“ In der Studie wird kritisiert, daß die Politmagazine der ARD durch die Änderung des Programmschemas von 45 auf 30 Minuten verkürzt werden. Dabei sei die Chance verpaßt worden, durch einen veränderten Senderhythmus und längere Formate „neue Formen auszuprobieren, neue Konzepte zu entwickeln und gestalterischen Spielraum zu gewinnen“.

Die Geschichte der ARD-Politmagazine „läßt sich auch beschreiben als eine Geschichte der permanenten Verschiebung“. In der Gründungszeit von „Panorama“ und „Monitor“ seien die politischen Magazine den Intendanten so wichtig gewesen, daß sie sie vor Konkurrenz durch Unterhaltung beschützten. Diesen Schutz hätten die Magazine in den siebziger Jahren verloren. „Heute ist die Zahl der etablierten Gegner in den Intendanzen größer als die Zahl der Befürworter.“

Die Studie bescheinigt den Politikmagazinen eine im Laufe der Jahre gesunkene politische Bedeutung. Rund um diese Formate sei die „Welt der Magazine geradezu explodiert“, wobei besonders die Boulevard-Magazine eine wichtige Rolle spielten. Überhaupt gehöre es zu den „erstaunlichen Phänomenen“ im Fernsehen, daß in jüngster Zeit „politische Stoffe von den journalistischen Formaten weggewandert und in die Fiktion eingewandert sind“. Das gelte für das Nachstellen historischer Szenen ebenso wie für Mischformen nach Art der Doku-Fiction „Tag X - Terror über Deutschland“ oder Fernsehfilme und Serien mit Schauspielern als Kanzlerdarsteller. „Das Fernsehen übernimmt Schritt für Schritt die Interpretationshoheit und überzieht alles Reale mit einem Netzwerk von Fiktionen.“ Die Folge: „Fernsehen hat Politik so lange personalisiert, daß es jetzt anfangen kann, Politiker zu fiktionalisieren.“

Text: FAZ.NET mit Material von dpa
Bildmaterial: WDR/Klaus Gšrgen

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