Popmusik

Bitte erwachsen werden: Britney Spears in der Medienfalle

Von Aram Lintzel

Der Kindheit gezielt entwachsen: Britney Spears

Der Kindheit gezielt entwachsen: Britney Spears

05. November 2001 Im Pop-Business ist es nicht einfach, unschuldig zu bleiben. Niemand weiß das so gut wie Britney Spears. Eigentlich wollte die amerikanische Teenie-Sängerin jung, rein und unverdorben bleiben und einfach ihre Lieder singen. Doch bald nach ihrem ersten großen Hit "Oops!...I did it again" stürzten sich die bösen Medien auf die kleine Britney, erfanden fiese Gerüchte über ihr Liebesleben und freuten sich über jedes Foto, auf dem sich versehentlich ihre Brüste zeigten. Schlimm, schlimm.

Doch jetzt schlägt Britney zurück: Auf ihrem neuen Album mit dem schlichten Titel "Britney" nimmt sie ihre Image-Arbeit selbst in die Hand, anstatt sie weiterhin den Medienbösewichten zu überlassen. Jedenfalls versucht sie es.

Kraft und Ausdruck

Bitte lieb haben: Britney Spears auf einer Pressekonferenz

Bitte lieb haben: Britney Spears auf einer Pressekonferenz

Im Vorfeld der Veröffentlichung von "Britney" gab es einigen Aufruhr im Blätterwald: Die CD enthalte derbe Kraftausdrücke, etwa so hässliche Worte wie "damn" oder "hell". Amerikanische Elternverbände monierten eifrig diese moralischen Verfallserscheinungen. Und auch das Video zu der Vorab-Single "I'm a Slave 4 U" sorgte für Irritationen: Man sieht Britney, wie sie sich leicht bekleidet von lüsternen, schweißgeperlten Männern umgarnen lässt. "Schade", dachten sich da wohl viele kulturkritische Eltern, die in der Vorliebe ihrer Kleinen für Britney bisher nichts Verwerfliches entdecken konnten, ''schade, dass sie sich nun endgültig zum sündigen Objekt der Medien machen lässt!"

Vom Objekt zum Subjekt?

Dabei meint es Britney doch wohl ganz anders: Sie will ja gerade nicht mehr Objekt, sondern Subjekt sein. Britney will sich aus den Fängen der Medien befreien, den Fremdzuschreibungen entfliehen. Vieles deutet darauf hin: Der karge CD-Titel "Britney" sendet eine starke Authentizitätsbehauptung aus: "Ich bin ich!". Und ein Stück wie das dumpf groovende "Let me be" - frei paraphrasiert: "Ich will so leben, wie ich bin!" - soll Britneys Befreiungswillen und vor allem ihren Reifeprozess herausstellen.

Britney Spears: “Britney“ (Cover)

Britney Spears: "Britney" (Cover)

All die Jahre gab Britney Spears das inoffizielle Sexobjekt, obwohl sie das angeblich nie wollte. Jetzt will Britney selbst darüber bestimmen, wie sie diese Rolle ausfüllt. "Aber bitte", fügt Britney zwischen den Zeilen versteckt hinzu, "habt mich trotzdem weiterhin lieb!"

Musikalisch meist harmlos

Natürlich werden auch die bravsten Töchter und Mütter Britney nicht aus ihren Herzen verstoßen. Denn erstens gibt es - irgendwo da draußen - weitaus verwegenere Fluchworte als "verdammt" und "Hölle", zweitens klingt das neue Britney-Produkt musikalisch alles andere als verstörend.

Bis auf das beeindruckend futuristisch produzierte, rhythmisch eingängige "I'm a Slave 4 U" bestimmen bekannte Muster das Klangbild von "Britney"; wenig einfallsreiche R&B-Grooves und altbackene Akkorde begleiten die Melodien. Und auch die klingen wie bisher: eher infantil als progressiv. Produzent Rodney Jerkins, der auch für Michael und Janet Jackson arbeitet, hat der CD sein unverkennbares Soundgewand übergestülpt: dicht, technisch perfekt - aber eben selten überraschend.

Vom frühreifen Teen zum ausgereiften Twen

Nun steht Britney Spears ja auch nicht eben für Fortschritt und Avantgarde, man kann ihr den Konservatismus deshalb kaum zum Vorwurf machen. Eher schon, dass sie in eine offen bereit gestellte Medienfalle getappt ist. Denn natürlich ist Britneys Schritt vom frühreifen Teen zur vollreifen Adult Pop-Sängerin in der Musikindustrie erwünscht. Dass ein Popmusiker nun "erwachsener" klinge oder geworden sei - kaum eine Formulierung taucht in den handelsüblichen PR-Texten häufiger auf.

Und wenn nun Britney Spears auf ihrem aktuellen Album Joan Jetts Erwachsenenrock-Evergreen "I Love Rock'n'Roll" zu einem bieder schmauchenden R&B-Track verarbeitet, dann entspricht das genau der mit dieser Reifungsrhetorik angestrebten Zielgruppenerweiterung. Mit anderen Worten: Britney Spears betreibt eben jene Form der künstlerischen Verwandlung, die für sie vorgesehen war. Ähnliches gilt auch auf anderer Ebene: Mit dem Relaunch als Schauspielerin - kürzlich hat Britney den Film "What are Friends" abgedreht - entspricht Britney genauso vorgesehenen Arbeitsmodellen.

Von Madonnas Finesse keine Spur

Dennoch lügt sich Britney den äußeren Zwang zur inneren Freiheit um. Sie habe die absolute Kontrolle über alles, behauptete Britney neulich in einem Interview. Dabei verheißt "Britney" keineswegs das Ende der Fremdbestimmung. Die Lektion dieser Platte lautet vielmehr: Nicht nur die Unschuld der Kindheit wird dem professionellen Teenie-Star heutzutage genommen; auch beim Erwachsenwerden ist er Gegenstand medialer und kommerzieller Zugriffe.

Von der strategischen Raffinesse, die ihr großes Vorbild Madonna beim Umgang mit medialen Erwartungshaltungen an den Tag legt, ist Britney Spears in ihrem Kontrollwahn allerdings noch meilenweit entfernt. Wie ein braves Mädchen tut sie, was von ihr verlangt wird: Erwachsen werden. Doch das tut sie immerhin äußerst professionell.

"Britney" von Britney Spears ist auf Jive/Zomba erschienen.



Text: @aram
Bildmaterial: AP, Jive/Zomba

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche