03. November 2004 Seit sich das Internet als Informations- und Kommunikationsmedium etabliert hat, vor allem durch die Erfolgsgeschichte der Weblogs in jüngster Zeit, hat sich zu den medialen Stimmungsbildern beim Warten auf ein Wahlergebnis ein weiteres hinzugesellt.
Wo es früher zu Umfragen vor Wahllokalen und Bildern der Wahlparties der Parteien kaum Alternativen gab, liefern heute die Blogger, zugleich unter sich und sichtbar für die ganze Welt, Emotion in Echtzeit. Sie sind einander bekannt, allerdings zumeist nur unter den selbstgewählten Namen. Sie nehmen, anders als viele Menschen vor laufenden Kameras, kein Blatt vor den Mund. Sie bilden eine Gemeinschaft, die über den Freundes- und Familienkreis hinaus ein Thema diskutiert. Sie sind nicht allein. Sie sind nachtaktiv. Und sie haben das Gefühl, etwas zu tun.
Beten um Ohio
Diese Demokraten sind ja nun wirklich die schlechtesten Verlierer der Geschichte. Kevin Patrick ist gerade von der Wahlparty in New York zurück zu seinem Computer gekommen. Eben noch hatte der Senior Writer der Website www.blogsforbush.com Champagner in die Menge gespritzt.
Ist dies nicht das Land, das in anderen Staaten beobachtet, ob die Wahlen dort gültig und demokratisch abgelaufen sind?, fragt sich ein Blogger namens KC Democrat in einem Thread des Official Kerry-Edwards Blog (blog.johnkerry.com/). Wir dürfen nicht aufgeben, fordert Richard55 dort eindringlich: Wir müssen beten!
Bush hat gewonnen, anders als 2000, schreibt ein Nutzer, der sich The Ox nennt, im Table Talk des Online-Magazins Salon.com. Vergleichsweise war es nicht einmal knapp. Heute ist 'The Day After'. Je früher wir das akzeptieren, umso besser.
Hoffentlich merken sie es als erste
Keine halbe Stunde später hat Andy Card, Stabschef George W. Bushs, verkündet, der amtierende Präsident führe in Ohio mit uneinholbarem Vorsprung. Bis zuletzt hatten die Anhänger des Herausforderers gehofft, daß bei der noch laufenden Auszählung John Kerry die zwanzig Wahlmännerstimmen dieses Bundesstaates erhalten könnte. Ich hasse dieses Land, kommentiert Gina Johansen die Botschaft Cards, die CNN live übertragen hatte, im Table Talk.
Die Stimmung kippt: Wahlmanipulation in Florida? Ein Hackerangriff auf die Daten? Während die einen über Verschwörungstheorien brüten und andere ihre Emigration vorbereiten, schließen dritte im Table Talk mit dem wahrscheinlichen Wahlergebnis ihren bitteren Frieden: Das gute ist, daß Junior seinen Mist selbst aufräumen muß, findet Bill Bonet. Und Jaybird schreibt: Ich hoffe nur, daß jeder einzelne der Bush-Wähler die volle Härte der Realität zu spüren bekommt, bevor sie uns erreicht, die wir gestern versucht haben, Amerikas Demokratie zu retten.
Und so geht es weiter in der amerikanischen Nacht auf Salon.com. Nur auf den beiden Blogs für Kerry/Edwards und George W. Bush ist es still geworden: seit Stunden keine neuen Einträge. Vielleicht hat den Bolggern der Stand der Dinge, vielleicht die Instabilität dieses Standes die Sprache verschlagen. Vielleicht ist es auch einfach nur spät geworden.
Text: @kue
Bildmaterial: FAZ.NET
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