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Unwort des Jahres: „Entlassungsproduktivität“

Von „Entlassungs- produktivität” halten sie nichts

Von „Entlassungs- produktivität” halten sie nichts

24. Januar 2006 „Entlassungsproduktivität“ ist das „Unwort des Jahres“ 2005. Das gab die unabhängige Jury aus Sprachwissenschaftlern am Dienstag in Frankfurt bekannt.

Der betriebswirtschaftliche Begriff verschleiere „die meist übermäßige Mehrbelastung derjenigen, die ihren Arbeitsplatz noch behalten konnten“, erklärte das fünfköpfige Gremium zur Begründung. Unter „Entlassungsproduktivität“ versteht man die Steigerung der Leistungsfähigkeit eines Unternehmens durch Personalabbau. Der Begriff spielt unter anderem in der aktuellen Metalltarifrunde eine Rolle. Auch andere Begriffe aus der Wirtschaft wie „Smartsourcing“ und „Qualitätsoffensive“ hatten als Favoriten gegolten.

Als weitere Unwörter kürten die vier ständigen Juroren und ein wechselndes Jury-Mitglied die Begriffe „Ehrenmord“, „Bombenholocaust“ und „Langlebigkeitsrisiko“, ein Begriff aus der Versicherungswirtschaft.

Erstmals 1998 nachweisbar

Die Juroren hatten die Wahl zwischen mehr als 1000 verschiedenen Vorschlägen. Am häufigsten waren „Ehrenmord“, „Gammelfleisch“, „Parasiten“ und „Schwampel-Koalition“ genannt worden. Jury-Sprecher Horst-Dieter Schlosser hatte sich am vergangenen Wochenende auf den Begriff „Ehrenmord“ als seinen Favoriten festgelegt. Mit dem „Unwort“ rügen die Sprachwissenschaftler sprachliche Missgriffe, die „sachlich grob unangemessen sind und möglicherweise die Menschenwürde verletzen“. Das Unwort wurde zum 15. Mal bestimmt. Im Vorjahr lautete es „Humankapital“.

Schlosser, Sprachwissenschaftler von der Goethe-Universität Frankfurt, erläuterte, der Begriff „Entlassungsproduktivität“ sei bereits 1998 erstmals nachweisbar, als Ex-Kanzler Gerhard Schröder (SPD) ihn kritisiert habe. Anlaß, es jetzt zum Unwort zu küren, seien Hinweise von Studenten der Wirtschaftswissenschaften gewesen, daß der Begriff mittlerweile in Fachbüchern auftauche. Auch habe Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser den Terminus im vergangenen Jahr benutzt.

WÖRTER und UNWÖRTER des Jahres

WORT DES JAHRES

1995: „Multimedia“
1996: „Sparpaket“
1997: „Reformstau“
1998: „Rot-Grün“
1999: „Millennium“
2000: „Schwarzgeldaffäre“
2001: „Der 11. September“
2002: „Teuro“
2003: „Das alte Europa“
2004: „Hartz IV“
2005: „Bundeskanzlerin“

UNWORT DES JAHRES

1995: „Diätenanpassung“ (Beschönigung der Diätenerhöhung im Bund)

1996: „Rentnerschwemme“ (Falsches Naturbild für einen sozialpolitischen Sachverhalt)

1997: „Wohlstandsmüll“ (Umschreibung arbeitsunwilliger und -unfähiger Menschen durch den Ex-Nestlé-Verwaltungspräsidenten Helmut Maucher)

1998: „sozialverträgliches Frühableben“ (Zynisch wirkende Ironisierung durch den Ex-Präsidenten der Bundesärztekammer, Karsten Vilmar)

1999: „Kollateralschaden“ (Verharmlosung der Tötung Unschuldiger als Nebensächlichkeit, Nato-offizieller Terminus im Kosovo-Krieg)

2000: „National befreite Zone“ (Zynisch heroisierende Umschreibung einer Region, die von Rechtsextremisten terrorisiert wird)

2001: „Gotteskrieger“ (Kein Glaube an einen Gott gleich welcher Religion kann einen Krieg oder gar Terroranschläge rechtfertigen)

2002: „Ich-AG“ (Reduzierung von Menschen auf Börsenniveau)

2003: „Tätervolk“ (Grundsätzlich inakzeptabler Kollektivschuldvorwurf; als potentiell möglicher Vorwurf gegen Juden in der Rede des Ex-CDU-Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann schlicht antisemitisch)

2004: „Humankapital“ (Degradierung nicht nur von Arbeitskräften in Betrieben, sondern von Menschen überhaupt zu nur noch ökonomischen Größen)

2005: „Entlassungsproduktivität“ (Verschleierung der Mehrbelastung derjenigen, die ihren Arbeitsplatz noch behalten konnten)

Text: FAZ.NET mit Material von dpa/ddp
Bildmaterial: AP

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