Symbolik

Es ist vollbracht

30. Juni 2003 Wann hat es das zuletzt gegeben? Gleich acht gute Nachrichten verkündet „Bild“ auf ihrer Titelseite. Ralf Schumacher gewinnt auf dem Nürburgring; im Nahen Osten wurde eine Waffenruhe beschlossen; Sarah Connor bekommt ein Baby; die alte Bahncard könnte zurückkommen; ältere Arbeitslose sollen doch länger Geld bekommen; Cem Özdemir plant ein Comeback; und das geplante EU-Verbot nackter Seite-1-Mädchen, an das ohnehin niemand so recht geglaubt haben dürfte, ist vom Tisch: „Busen statt Bürokraten!“, jubelt „Bild“.

Die wichtigste und beste Nachricht aber steht ganz oben: „Kanzler haut die Steuern runter!“ Dafür bekommt Gerhard Schröder nicht nur den „Steuern-runter-Orden von Bild“ verliehen, sondern avanciert durch die Titelseite der Zeitung endlich wieder zum wirklichen Repräsentanten seines Volkes: „Deutschland lacht! Es ist vollbracht!“, schreibt „Bild“, obgleich auf dem Foto daneben nicht Deutschland, sondern nur dessen Regierungschef lacht.

Die Macht des Kanzlerworts

Die Behauptung, daß „es“ nunmehr „vollbracht“ sei, erscheint allerdings nicht nur übervorsichtigen Gemütern voreilig. Damit diese Vokabel angemessen wirkte, müßte schließlich die Opposition dem Vorziehen der Steuerreform zustimmen, eine Gegenfinanzierung konzipiert werden und Deutschland unter einer neuen Schuldenlast nicht komplett zusammengebrochen sein. Auch bedarf es, um einen Aufschwung zu vollziehen, nicht nur eines Kanzlerwortes, dem damit doch zuviel Macht zugesprochen würde, sondern einer enormen Kraftanstrengung des ganzen Volkes.

Aber es geht ja auch noch gar nicht um den Aufschwung, sondern um etwas, was ihn zumindest möglich macht: ein „Signal“, wie die „Welt“ schreibt. Dieses Signal hat Schröder nun gesetzt: In Deutschland stehen die Ampeln wieder auf grün. Der Aufschwung darf kommen. Die Lähmung, von der Deutschland befallen ist und die nach Ansicht der meisten Experten zuvörderst eine mentale ist, ist gelöst.

Durchlüftete Politik

Und das Bundeskabinett hat signalisiert: Wir sind bereit. Mit diesem Slogan hatten es Schröder und die SPD geschafft, Kohls CDU von der Macht zu verdrängen, und es scheint, als wollten sie ihn nun reaktivieren. Und irgendwie muß der Betrachter angesichts des im neuhardenbergschen Garten aufgestellten Kabinettstisch an den August 1997 denken, als die Herren Lafontaine und Schröder mit ihren Gattinnen vor der wunderbaren Kulisse der Saarschleife posierten und Entschlossenheit und Eintracht demonstrierten. Die Politik tut es offenbar ganz gut, wenn sie mal durchlüftet wird.

Der eigentlich geniale Schachzug Gerhard Schröders ist dabei nicht die politische Entscheidung über die Steuerreform gewesen, die womöglich völlig folgenlos bleibt, sondern die Idee, sich am Sonntag zu einer „Openair-Frühklausur“ („Welt“) zu treffen. Hier zeigte sich der einst als Medienkanzler Gefeierte endlich wieder auf der Höhe jener Kunst, die Kritikern als seine einzige gilt. Das aus großer Distanz aufgenommene Foto der Kabinettsmitglieder in ihrer sommerlich-entspannten Runde unter Platanen, mit den lässig über die Lehne gehängten Jacketts und Handtaschen, hat es in fast alle deutschen Zeitungen geschafft. Ein Platz in der politischen Ikonographie der Bundesrepublik ist ihm sicher. „Bild“ formuliert es prägnanter: „Dieses Bild hängen wir uns auf!“

Wenn es dermaßen unverkrampft und dennoch, weil ohne symbolische Übertreibung (Liegestühle!), arbeitsam zugeht wie in Neuhardenberg, dann gilt sie wieder, die alte Schrödersche Formel: Regieren macht Spaß. Das Medienecho an diesem Montag ist jedenfalls - von dem einen oder anderen mahnenden Zeigefinger abgesehen - überwältigend positiv. Die Union wird sich nun in der undankbaren Rolle üben müssen, uns allen das Spiel und die gute Laune zu verderben. In den Medien werden ihre Vertreter als Miesmacher dastehen. Ihr erstes Interview zu Schröders Plänen gab Angela Merkel der Presse in einem geschlossenen Raum: zu wenig, um neben dem gut gebräunten Sonnenkanzler nicht zu verblassen. Mal abwarten, wie es im Winter aussieht.

Text: @jöt

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