Von Dominik Graf
17. September 2008Deutschland, Land der Verbrecher. Die schlimmsten sitzen bei uns immer ganz oben in den Führungsetagen der Konzerne. Deshalb können wir uns nach allen Katastrophen immer gut auf sie herausreden. Nach 1945 ebenso wie nach der missratenen Wende von '89.
West-Berlin, Winter 1978/79, wieder eine andere Zeit: Die verschneite Gedächtniskirche, damals noch ein echtes Menetekel deutschen Größenwahns, ragt aus dem Kudammviertel wie eine Caspar-David-Friedrich-Ruine in den ehrlich zwischen Ost und West geteilten Himmel aus Blei. Im Herzrhythmus der Peer-Raben-Begrüßungsmusik pochen einem darüber die Namen der Schauspieler und der Teammitglieder entgegen, Godard-ähnlich, nach Anfangsbuchstaben geordnet. Darunter eine Rückfahrt vom Panorama-Shot aus dem Europa-Center, Fernseher kommen ins Bild. Drei nebeneinander, auf einem läuft das stille, radikale Selbstmord- ende von Der Teufel möglicherweise, dem damals aktuellen Bresson. Die Chefsekretärin Hanna Schygulla im beigefarbenen Kostüm schaut sich den Film im Chefbüro an. Und dann kommt gleich der Chef persönlich - Eddie Constantine - und will eine Telefonverbindung nach Houston/Texas. Texas, der Ort des Bösen - wie wir ja seit JFKs Ermordung wussten.
Und wie wir es Jahre nach Fassbinders Tod sogar noch mal bestätigt bekamen in dem Errol-Morris-Dokumentarfilm The Thin Blue Line (1988): Never go to Dallas!, hatte da die Mutter eigentlich ihrem Sohn, dem unschuldig wegen Mordes Verurteilten und um ein Haar vom Staat Texas gekillten Bürger Randall Addams aus Ohio, als Lebensmotto auf den Weg gegeben. Er hatte nicht darauf gehört. Der Dokumentarfilm Thin Blue Line hat ihm dann das Leben gerettet.
Ja, Filme und Bücher können Leben retten, das war auch die Überzeugung in den Siebzigern. Und sie können und sollen auch ganze Gesellschaften ad hoc verändern - sonst taugen sie nichts, sagte man. Fassbinder dachte so einen Unfug natürlich nicht, wie man in der Dritten Generation gut sehen kann: Weil ein Konzern zu wenig Computer verkauft, wird eine Terrorzelle benutzt, um mit der Entführung eines Industriellen der Öffentlichkeit und dem Staat die dringende Notwendigkeit zur total vernetzten Überwachung vor Augen zu führen.
Die Terroristen als unwissende Geburtshelfer der Diktatur. Ein Plot wie in Nada, dem Roman des genialen Krimi-Franzosen Jean-Patrick Manchette von 1974. Die RAF-Frauen und -Männer glaubten damals ja an eine exakt solche Entwicklung der Zeitgeschichte durch ihre Aktionen: Der Staat möge angesichts seiner Bedrohung bitte sein wahres, sein totalitäres Gesicht zeigen, und daraus resultiere dann bitte sehr ein sofortiger Volksaufstand. Hahaha! - man sieht dabei förmlich Hark Bohms Gesicht in diesem Film vor sich, grausam verzerrt wie ein Lachsack.
RWF zieht diesen RAF-Traum durch den Kakao seines bitteren Witzes und seiner - von Film zu Film wachsenden - inszenatorischen Virtuosität. Überall raunen hier die Nachrichten überlaut aus den Apparaten - weil: Achtung, man konnte ja jederzeit vom Staat abgehört werden! Die Tonebene quillt über von Off-Dialog und vom Geschwafel der Hauptpersonen, Worte, Worte, harte Kontraste in der Musik, eine schön nervende, labyrinthische Fassbinder-Klangsoße. Und oft haben sich seine Stammschauspieler im Tonstudio später ja auch noch gegenseitig nachsynchronisiert. Das muss ziemlich lustig gewesen sein, und man sollte schließlich immer versuchen, beim Arbeiten möglichst viel Spaß zu haben. Vor allem wenn man drei Filme im Jahr raushaut, wie es Fassbinder damals tat.
Diese Terroristen in der dritten Generation sind Großbürgerkinder, verkleidungssüchtige Bürokraten der Anarchie wie in Joseph Conrads Geheimagent, sie sind (noch unschlüssige) Lesben im Ledermantel, traurige Ehefrauen, arbeitslose Facharbeiter. Alle treffen sich in Berliner Altbauwohnungen, in denen ständig ein neuer Übernachtungsgast klingelt. Einmal ist es ein gesuchter iberischer Anarchist, aufgemacht als Plakat-Gigolo, der die Lesbe (Oh, das ist ein vulgäres Wort!) sogleich ins Bett zerren will - oder soll ich mir etwa einen runterholen?. Sozusagen Carlos als Tango-Karikatur.
Die Terroristen sind unter anderen Bulle Ogier, Harry Baer, Volker Spengler und Günter Kaufmann als Arbeiter, der gern die irre Y Sa Lo per proletarischem Sex von ihrer Heroinsucht befreien möchte. Das liebste Losungswort all dieser WG-Lemuren für die große kämpferische Aktion ist: Die Welt als Wille und Vorstellung! - Schopenhauer!, tönt der alte Großindustrielle und Vater des Terroristen Udo Kier auf dem Sofa seiner Villa: Wir haben damals positive Bücher gelesen! Hegel zum Beispiel. Die Leute wissen heute nicht mehr, wozu sie leben, deshalb muss in jedem Leben ein Krieg her. Dann werden sie schon wieder merken, dass ein Menschenleben mehr wert ist als ein Stein! Nur die Nebenfiguren sprechen hier manchmal noch seltsame Ahnungen, Schatten von RWFs Originalmeinungen aus, die Hauptfiguren reden alle nur blechklirrende Klischees. Den Vater spielt Claus Holm, eine echte Nachkriegsschauspielerikone. Und Fassbinders Mutter singt dazu - verkleidet als Wahnsinnige - deutsche Schlaflieder.
Eine wirkliche Groteske der Spät-RAF ist dieser Film, gefilmt als B-Movie in der gleichfalls bereits späten Ära RWF, ein Jahr vor Lili Marleen, drei Jahre vor seinem Tod. Am Ende bleibt - wie in Nada - kein Stein auf dem anderen, als der Konzernchef gut gelaunt und zuvorkommend in die Kamera seiner Entführer hinein sagt: Ich bin ein Gefangener der . . .
Tja, einer der deutschen Autorenfilmregisseure durchschaute halt den ganzen Travestiezirkus vom deutschen Junglinken, entflohen aus gutbürgerlichen Schreckenswohnzimmern und tragisch verstrickt im bewaffneten Laokoon-Kampf gegen den immerbösen Obrigkeitsstaat. Und dieser eine, der andererseits natürlich auch genau wusste, warum es in diesem kaputten fetten Nachkriegsdeutschland die RAF und ihre Taten nachgerade zwangsläufig geben musste - der hieß Rainer Werner Fassbinder und seilte sich am Ende konsequenterweise einfach aus allem ab. Ein Regisseur, sanft wie ein sich langsam öffentlich vor seinen Freunden zu Tode saufender Poet, hart wie ein Selbstmordattentäter.
Und morgen ist übrigens der Bahntower am Potsdamer Platz dran. Parole: Die Welt als Wille und Vorstellung!
Der letzte Film von Dominik Graf, Jahrgang 1952, ist Süden und der Luftgitarrist.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: CINETEXT, Cinetext/Marco, picture-alliance/ dpa
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