24. November 2005 Daß Gerhard Schröder nach seinem Ausstieg aus der aktiven Politik nicht ausschließlich als einfacher Anwalt tätig werden würde, konnte man sich denken. Und wenn er in den Jahren seiner Kanzlerschaft auch stets als engagierter Verteidiger - seiner selbst und seiner nicht immer glücklich engagierten Mitstreiter - auftrat, so galt seine wahre Leidenschaft doch einem ganz anderen Gebiet. Schröder, so mutmaßte mancher schon vor seinem Abgang in nicht unbedingt ironischer Tonlage, müßte im Grunde was mit Medien machen.
Und so ist es gekommen: Am Tag, an dem der neue Altkanzler aus dem Bundestag ausscheidet, wird sein neuer Job verkündet. Gerhard Schröder wird Berater eines Medienkonzerns. Aber nicht der Bertelsmann-Konzern ist es. Und auch nicht, obwohl man dort gerade jetzt guten Rat sehr nötig hätte, der Springer-Verlag - was natürlich die denkbar genialste Pointe der eigenartigen Debatte über eine Medienkampagne gegen Schröders rot-grüne Bundesregierung gewesen wäre. Nein, Schröder zieht es, soviel Distanz muß sein, hinaus über die Landesgrenzen, wenn auch nicht sehr weit: Sein neuer Arbeitgeber ist das Schweizer Medienhaus Ringier.
Denkwürdige Konstellation
Denkwürdig ist diese Konstellation gleichwohl. Denn der Ringier-Verlag, der im vergangenen Jahr einen Rekordgewinn von 37,4 Millionen Euro bei einem Umsatz von 750 Millionen Euro erzielte, veröffentlicht unter anderem den Blick, ein Boulevardblatt und damit im selben Genre beheimatet wie die von Schröder haßgeliebte Bild-Zeitung. Ganz im Gegensatz zum Springer-Blatt gilt der Blick freilich als eher brav, bieder und politisch korrekt. An die Berliner Society näherte sich Ringier mit ziemlich unerfreulichen Folgen an. Als sein Sonntags-Blick im März 2002 über eine vermeintliche Affäre des damaligen Schweizer Botschafters Thomas Borer schrieb, kostete dies das Unternehmen letztlich eine finanzielle Entschädigung und eine öffentliche Entschuldigung des Verlegers Michael Ringier.
Neben Blick und Sonntagsblick erscheinen bei Ringier Titel wie das Wirtschaftsblatt Cash, die Schweizer Illustrierte, Tele oder die Glückspost. Auch im Fernsehgeschäft ist Ringier tätig und hält unter anderem 50 Prozent der Anteile an der Sat.1 AG der Schweiz. Zwei Drittel des Umsatzes stammen aus Zukäufen in Mittel- und Osteuropa.
Zu Gast in Locarno
Frank A. Meyer, der Chefpublizist von Ringier, gilt als das Hirn des Verlags und ist seit längerem ein Vertrauter des ehemaligen Bundeskanzlers. Er war es, der Schröder in seiner Auffassung unterstützte, das jüngste Wahlergebnis sei eine Niederlage der geschlossenen Journaille in Deutschland, die versucht habe, Schröder wegzuschreiben. Während des Wahlkampfes war Schröder beim jährlichen Empfang Michael Ringiers in Locarno zu Gast gewesen.
Doch auch in Deutschland ist Ringier seit einiger Zeit publizistisch tätig: Der Verlag gibt das Potsdamer Monatsmagazin Cicero heraus, das - und hier haben wir doch noch eine hübsche Pointe - erst kürzlich zum ersten Mal so richtig Schlagzeilen machte: Das Bundeskriminalamt hatte die Redaktionsräume durchsucht und kistenweise Unterlagen beschlagnahmt, nachdem ein Cicero-Reporter in einem Artikel über den Al-Qaida-Terroristen al Zarqawi aus vertraulichem Material zitiert hatte. Schröders Innenminister Schily hatte die Aktion gegen den empörten Protest von Schützern der Pressefreiheit vehement verteidigt.
Cicero erschien erstmals im April 2004. Das Cover der ersten Ausgabe zierte ein von dem Künstler Jörg Immendorff exklusiv für das Heft geschaffenes Porträt. Es zeigte den Bundeskanzler Gerhard Schröder.
Text: @jöt
Bildmaterial: AP, Archiv