Oscar-Verleihungen

Stillstand der Eitelkeiten

Von Katja Gelinsky

23. März 2003 Die Oscar-Verleihung am Sonntag soll trotz des Irak-Kriegs stattfinden - so ist es jedenfalls geplant. Letztlich hänge aber alles vom Fortgang des Krieges ab, sagte der Präsident der Filmakademie in Hollywood, Frank Pierson. Fest steht schon jetzt, daß den Stars zur Begrüßung nicht der rote Teppich ausgerollt wird. Damit entfällt die glanzvolle Prominenten-Parade vor dem Kodak Theater, in dem Schauspieler, Regisseure und Musiker ausgezeichnet werden.

Das Schaulaufen der Stars im Blitzlichtgewitter der Fotografen ist alljährlich der Höhepunkt der Preisverleihung, besteht hier doch Gelegenheit, die weiblichen Stars in teuren Kleidern und geschmückt mit Juwelen im Wert von Millionen Dollar zu sehen, die allerdings meist von Schmuckgeschäften geborgt sind. Die Entscheidung gegen das Star-Defilee fiel, nachdem mehrere Prominente Unbehagen geäußert hatten.

Eintritt durch den Seiteneingang

"Es wäre unangemessen, wenn wir an einem Abend, an dem Amerikaner in blutige Kämpfe verwickelt sind, etwas täten, das frivol aussähe", begründete Pierson die Entscheidung, das Schaulaufen der Eitelkeiten abzusagen. Statt dessen sollen die Prominenten nun durch einen Seiteneingang kommen. Dieser Moment wird zum Leidwesen der Fotoagenturen, die Bilder von dem Defilee auf dem roten Teppich sonst für bis zu 15 000 Dollar verkaufen, nur von einer Pool-Kamera gefilmt werden.

Für die Unterhaltungsindustrie bringt die Entscheidung, ausgerechnet zum 75. Jubiläum der Oscar-Verleihung nicht den roten Teppich auszurollen, enorme finanzielle Verluste. Hätten die Veranstalter allerdings an dem geplanten Programm festgehalten, hätten sie viele Absagen befürchten müssen. Zu jenen Stars, die wegen des Irak-Krieges nicht zur Preisverleihung kommen werden, gehört der Schauspieler Will Smith ("Men in Black"), der eigentlich einen Oscar übergeben sollte. Smith behage wegen der "Weltsituation" der Gedanke der Teilnahme nicht, er bitte deshalb "höflichst um Entschuldigung", teilte sein Sprecher mit.

Eminem: Lieber Ferien als Hollywood

Der finnische Regisseur Aki Kaurismäki, dessen Film "Mann ohne Vergangenheit" für den Preis des besten ausländischen Films prämiert ist, ließ die Veranstalter in einem offenen Brief wissen, daß der Angriff auf den Irak "nicht unbedingt einer der ehrenvollsten Augenblicke der Menschheitsgeschichte" sei und er deshalb zu Hause bleiben werde. Hip-Hop-Star Eminem, dessen Stück "Lose Yourself" aus seinem Film "8 Mile" für einen Oscar nominiert ist, hatte schon vor den Gerüchten über mögliche Absagen wegen des Krieges erklärt, er mache lieber Ferien, als nach Hollywood zu kommen. Auch die Schauspielerin Angelina Jolie wird nicht zu der Oscar-Verleihung erscheinen. Aber sie hätte ohnehin nichts Passendes mehr anzuziehen, denn ihr rotes Korsagenkleid zum Preis von 4700 Dollar wurde diese Woche in London aus dem Auto des britischen Designers Scott Henshall gestohlen.

Zur Mode während der Oscar-Verleihung hatte es ursprünglich geheißen, das Publikum dürfe leuchtende Farben und körperbetonte Schnitte erwarten, die viel Haut sehen ließen. Wegen des Krieges wird nun aber manche provokante Kreation im Schrank bleiben. Auch werden in diesem Jahr nicht nur Juwelen die Kleider der Hollywood-Stars schmücken. So haben zahlreiche Schauspieler, zum Beispiel Dustin Hoffman, Jim Carrey, Ben Affleck, Meryl Streep und Jessica Lange, sowie die Rockband U2 und der Regisseur Michael Moore zugesagt, eine Anstecknadel der Künstlergruppe "Artists United to Win Without War" zu tragen, um damit gegen den Irak-Krieg zu protestieren.

Großaufgebot der Polizei

Andere Gäste der Oscar-Verleihung wollen sich Friedenstauben anstecken oder sich mit Klebeband zum Abdichten von Fenstern und Türen dekorieren - eine Anspielung auf die Empfehlungen des amerikanischen Heimatschutzministeriums zum Schutz gegen Giftgasangriffe. Womöglich werden einige Prominente ihren Auftritt während der Preisverleihung auch für Antikriegserklärungen nutzen. Gerüchte, die Gäste seien gebeten worden, ihre politischen Ansichten für sich zu behalten, werden von der Filmakademie energisch zurückgewiesen.

Weniger prominente Kriegsgegner, die am Abend der Oscar-Verleihung gegen die Militäraktionen im Irak protestieren wollen, müssen sich dafür allerdings einige Häuserblocks vom Sunset Boulevard fernhalten. Aus Sicherheitsgründen werden die Hollywood-Stars von einem Großaufgebot an Polizisten abgeschirmt. Zum Schutz der Prominenten wird auch eine Einheit der Nationalgarde nach Hollywood kommen. Sie hat ein mobiles Labor dabei, mit dessen Hilfe sich chemische oder biologische Kampfstoffe aufspüren lassen.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.03.2003, Nr. 69 / Seite 11
Bildmaterial: AP

 

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