26. August 2003 Die Männerdämmerung schreitet voran. Die in dieser Zeitung aufgestellte Diagnose, die Frauen hätten hierzulande den Männern als Kommunikatoren des gesellschaftlichen und politischen Prozesses den Rang abgelaufen (F.A.Z. vom 1. Juli), bestätigt sich auch in anderen Ländern.
Dabei geht es längst nicht nur darum, daß die Frauen inzwischen weitgehend die Bewußtseinsindustrie beherrschen. In seinem Buch Mismatch behauptet der Politikwissenschaftler Andrew Hacker, die amerikanischen Frauen hängten die Männer in Sachen Bildung, Beruf, Gefühlen und bald auch physisch in einem Ausmaß ab, welches das auf der Harmonie der Geschlechter gegründete Glück der Gesellschaft gefährde, wie die New York Times an diesem Dienstag referiert. Auf dem Cover des Buches versucht ein Mann im Stile eines unglücklichen Strebers vergeblich, das Maß der neben ihm stehenden erfolgreichen Geschäftsfrau zu erreichen, indem er sich auf Zehenspitzen stellt.
Das nächste Männer-Massaker
Hacker porträtiere die Frau von heute als Superheldin, die sich durch eine zunehmend von männlicher Unzulänglichkeit geprägte Welt kämpft, so die Zeitung. Dieses Bild entstammt nicht von ungefähr der Populärkultur, wo die kämpferische, kriegerische Frau schon seit längerem auf dem Vormarsch ist - von Charlies teuflisch wehrhaften Engeln über Lara Croft bis hin zu dem weiblichen Kampfroboter, mit dem es Schwarzenegger in Terminator 3 aufnehmen muß. Das nächste Männer-Massaker erfolgt im Oktober, wenn Quentin Tarantino im ersten Teil seines neuen Films Kill Bill die blutrünstige Rächerin Uma Thurman auf die Leinwand schickt, um ihren verräterischen Liebhaber zu töten.
Der gesellschaftliche Wandel, der sich in solchen Werken abzeichnet, spiegelt sich selbstverständlich auch in der Mode wieder. So hat die New York Times einen Blick auf die Herbstmode geworfen und festgestellt, daß sie wie eine in Stoff geschnittene Variante von Hackers Bild der Superheldin wirkt - und zwar quer durch alle Designerhäuser. Alexander McQueen präsentiert Damenmode, die an Ritterkostüme erinnert, Nicolas Ghesquieres Balenciaga-Kreationen schüchtern die Herrenwelt durch hohe, bedrohliche Schulterpartien ein, die neuen Prada-Handschuhe wirken wie die von Fechterinnen.
Göttlich und unverletzbar
Das verletzliche Weibchen, das sich an die harte Männerbrust kuschelt, wird - so es denn irgendwo noch existieren sollte - im Herbst nichts zum Anziehen haben. Wohl aber der neue Typus der Kriegerin, die sich aggressiv, selbstbewußt und soldatisch kleidet. Die Boutikenbesitzerin Ikram Goldman erklärt gegenüber der New York Times die Botschaft dieser Kleider: Ich bin göttlich, niemand kann mich verletzen. Und ein Mann schon mal gar nicht. Der wechselt, wenn ihm demnächst eine solche Armee der Frauen naht, besser die Straßenseite.
Auf den neuen Trend reagiert auch die Werbung. Während die früheren Kampagnen von Gucci stets Männer und Frauen zeigten, sind in diesem Jahr die Männer aus den Anzeigen verschwunden: Abgebildet werden fast ausschließlich Frauen mit Babys, von Vätern keine Spur. Was die Mode vormacht, inspiriert auch die Schmuck-Hersteller. Schon Marilyn Monroes Formel, nach der die Diamanten die besten Freunde jedes Mädchens sind, sparte den Mann aus, der aber immer noch als Käufer und Schenker der Steine herhalten durfte. In der neuen Werbekampagne der Diamantenbranche haben die Männer nun komplett ausgedient: Sie setzt, wie die New York Times schreibt, auf Unabhängigkeit statt Romantik. Die moderne Frau kauft sich ihre Klunker längst selber und betrachtet ihre Ringe als Teil ihrer Ausrüstung und Ausdruck einer übernatürlichen Stärke.
Harten Zeiten sehen die Männer entgegen, deren einzige Hoffnung darin besteht, daß nicht jeder der Kampfanzüge den Weg vom Laufsteg in die Straßen findet. Einen Gegentrend hat die New York Times auch ausgemacht, und zwar in Liberia: Dort überraschen Frauen, die tatsächlich kämpfen wie die Rebellenführerin Col. Black Diamond und ihre Mitstreiterinnen, durch ausgesprochen femininen Kleidungsstil.
Text: @jöt
Bildmaterial: AFP, AP
Eisbären sehen dich an: Das Klimawissen der ![]()
Nobelpreisträgerin Herta Müller: Die Liebe ist mir in den Kopf gewachsen
F.A.Z.-LeseprobeAdam Haslett: Union Atlantic
Die Bibliothek der Poeten
Frank Schätzing: Limit
Maryanne Wolf: Das lesende Gehirn