Wir haben einen namhaften deutschen Romanautor gebeten, uns einen Messe-Roman zu schreiben. Er bleibt auf eigenen Wunsch anonym und wird sich erst in der letzten Folge zu erkennen geben. Für Kollateralschäden übernehmen wir keine Haftung.
Einsam rotiert eine handbetriebene Presse vor sich hin. Im langsamen Rhythmus spuckt sie alle zehn Sekunden ein Blatt aus, betrieben mit einer Kurbel vom letzten F.A.Z.-Redakteur. Wir befinden uns in einem Keller in Nidda. Bis zum Schluss hat der Redakteur durchgehalten, entkräftet und in zerfetzter Kleidung, und bricht dann mit allerletzter Kraft nach Frankfurt auf, um die Notexemplare der letzten Messezeitung durch einen aufgegebenen, unbewachten Aufzug von einem entlegenen U-Bahn-Schacht aus auf das Messegelände zu bringen, nur um, kaum dort angekommen, tot niederzusinken wie der Läufer von Marathon. Nun war es auch für die F.A.Z. vollbracht.
Kaum einer war noch da, der hätte lesen können, was in der letzten Zeitung stand. Es war die Stille nach der Schlacht. Trümmerteile lagen überall herum, im Verlauf der Nacht war Halle um Halle gesprengt worden, es gab so gut wie keine Überlebenden mehr, ein ganzes Literaturpublikum und, schlimmer noch, ganze nationale Literaturen waren ausgelöscht. Über dem verwüsteten Feld ging eine seltsam heitere Sonne auf, aber ihr Anstieg auf der üblichen Tagesbahn war einsam und trostlos. Ein zehnjähriges Mädchen in einem weißen Kleid, das wie ein Kommunionkleid aussah, lief zwischen den Totenbergen und spielte, ganz mit sich selbst beschäftigt, in den Trümmerhalden ein versonnenes Spiel. Immer wieder tollte sie einem alten Mann davon, der hinter ihr herlief und sie zur Vernunft zu bringen versuchte. Das Mädchen war von schwarzen Schergen umgeben, die in jeden noch lebenden Körper, der den Weg des Kindes säumte (gerade spielte das Mädchen Hickelkästchen), eine finale Salve Blei hineinballerten.
Vor einem Pfeiler der Halle 5 hatte man ein paar Überlebende in einen Pferch gesteckt. Es waren auch noch Autoren und Metakritiker darunter. Die Mittagssonne stand hoch zwischen Schwaden am Himmel, als dem Mädchen ein neues Spiel einfiel. Einzeln wurden die letzten aus dem Pferch herausgeführt, und das Mädchen fragte jeden: Wer bin ich. Wer ist der alte Mann? Errätst du es, wirst du leben. Wenn nicht, dann kriegen dich die Schwarzen. Mit den Schwarzen meinte sie ihre Schergen.
Verschiedenste Antworten wurden gegeben, nach jeder ertönten Schüsse. Meistens zielten die Schwarzen mitten ins Gesicht. Das letzte Blutspiel dieser Messe. Einer schrie: Du bist der Teufel! Es wurde ihm insofern recht gegeben, als dass der Betreffende auf besonders grausame Weise hingerichtet wurde. Man schnitt ihm die Zunge heraus, zerstach ihm die Ohren, zerbohrte ihm die Augen, hängte ihn auf und versah ihn mit dem Schild: Ich bin ein Messe-Besucher.
Nun waren alle tot. Alle? Nein, ein einzelner schlenderte noch, anscheinend unangetastet von all den Verwüstungen, über das Schlachtfeld der Messe.
Wer bist du?, fragte das Mädchen, als der Mann auf es zutrat. Ich?, fragte der Mann. Ich bin der Autor des F.A.Z.-Messeromans. So, lieber Autor, sagte das Mädchen, ich möchte dir eine Frage stellen. Wenn du sie beantwortest, hast du überlebt, wenn nicht, kriegen dich die Schwarzen. Der Autor lachte ein etwas meckerndes hessisches Lachen. Haha, sagte er, was soll mir denn geschehen? Die Schwarzen, sagte das Mädchen. Der Autor lachte weiter. Du bist doch bloß Literatur, sagte er. Was soll mir denn da geschehen? Haha, schau!
In diesem Augenblick richteten sich die Schwarzen gegen das Mädchen und zerfetzten es unter den Augen des Autors. Und schon waren die schwarzen Gestalten in den weißen Fetzen des Mädchens verschwunden wie Buchstaben in einem zerrissenen, verworfenen Manuskript.
Das möchte ich verlegen!, sagte der alte Mann, der der Szene beiwohnte.
Du verlegst gar nichts mehr, sagte der Autor. Es ist vorbei.
Der alte Mann und Verleger beerdigte traurig, was von dem geliebten Mädchen übrig geblieben war. Dann nahm der Verleger eine herumliegende Waffe und schoss sich eine Kugel in den Kopf. Im Sterben röchelte er die Frage: Wer bist du?
Ich, sagte der Autor, heiße Andreas Maier, und ich habe heute schon sehr viel Apfelwein getrunken. Ich habe in den letzten Tagen überhaupt ziemlich viel Apfelwein getrunken.
In der letzten Sekunde seines Lebens richtete der Verleger seine Waffe auf den Autor des F.A.Z.-Messe-Romans und erschoss auch diesen.
Schwaden über der Wüste, Käfer kommen hervor und wühlen sich in Glieder, letzte Feuer verglimmen. 17.30 Uhr. Eine Stimme vom Band erklärt die Messe 2008 für beendet. Einsam tönt sie über die Ruinen und verhallt in den Weiten der Abenddämmerung. Sie scheint zu sagen: Besucher, lass dir das zur Warnung sein.
Ende
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. Kat Menschik
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