Wellenreiter

Der Stoiber Schleswig-Holsteins

Von Cai Tore Philippsen

WELLENREITER - durch die Informationsflut mit FAZ.NET

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21. Februar 2005 Die Hochrechnungen weisen auf eine neue Regierung, die Fernsehkommentatoren analysieren den Wechsel, der Oppositionsführer tritt vor die jubelnden Anhänger und verkündet in Sektlaune seinen Sieg.

Peter Harry Carstensen hat aus der Geschichte nichts gelernt. Nun geht der CDU-Spitzenkandidat als schleswig-holsteinischer Edmund Stoiber in die Wahlannalen ein. Der Bayer hatte sich am 22. September 2002 mit dem Rückenwind der ARD-Hochrechungen schon als Bundeskanzler gefühlt, der Nordfriese sah sich bereits auf dem Sessel des Ministerpräsidenten. „Wir haben die Wahl gewonnen“, rief der Ein-Abend-Kanzler seinen Getreuen zu und setzte sich in den Flieger nach München. Auf dem Weg zum nächtlichen CSU-Freudenfest beendeten dann ein paar Überhangmandate seine Träume. Deutschland wachte mit dem neuen, alten Kanzler Gerhard Schröder auf. Im Schattenkabinett saß damals übrigens Agrar-Experte Peter Harry Carstensen und sah sich wohl schon als Landwirtschaftsminister.

Merkel „jedenfalls sehr froh“

Leichtmatrosen? Kubicki (l.) und Carstensen im Gefühl des sicheren Sieges

Leichtmatrosen? Kubicki (l.) und Carstensen im Gefühl des sicheren Sieges

Den Ein-Abend-Ministerpräsidenten erwischte es um Mitternacht auf der Autobahn. Dabei war er noch siegesgewiß in den Wagen gestiegen. „CDU und FDP ist es gelungen, Rot-Grün ein weiteres Bundesland abzunehmen“, hatte Ulrich Wickert schließlich seine ARD-„Tagesthemen“ um 23 Uhr anmoderiert. Das sollte im Konrad-Adenauer-Haus in der Hauptstadt vor den Augen aller Medien gefeiert werden, schließlich hatte auch die Parteivorsitzende Angela Merkel bereits von einem großen Sieg gesprochen. „Das ist ein sensationelles Ergebnis. Ich bin jedenfalls sehr froh.“

Auch Peter Harry Carstensen hatte in Kiel im Laufe des Abends alle Zurückhaltung aufgegeben. „Die Wähler haben uns den Auftrag gegeben, Schleswig-Holstein zu regieren. Sie haben Rot-Grün abgewählt“, hatte er gesagt und dabei die stetigen Warnungen der Hochrechner bei ARD und ZDF, wie knapp es noch immer sei, auf die leichte Schulter genommen.

Ein schlechter Gewinner

Vor Fernsehkameras, Parteifreunden und Journalisten hatte er bereits sein Programm für die ersten 100 Tage skizziert, eine „Task Force“ für Einsparungen in allen Ministerien angekündigt und wenig gentlemanlike die vermeintlich geschlagene Heide Simonis zurechtgewiesen, als sie in der Hektik des Wahlabends die Reihenfolge seines Doppelvornamens durcheinanderbrachte. Ein schlechter Gewinner, mögen da viele gedacht haben. Ihre hochgestreckten Daumen hatten Carstensen und FDP-Landeschef Wolfgang Kubicki strahlend in jede Kamera gehalten.

Als Carstensen von der Wende erfuhr, regnete es in Kiel Konfetti auf Heide Simonis. Um zwölf Minuten vor Mitternacht jubelten die Genossen über das vorläufige amtliche Endergebnis, das eine Rot-Grüne Minderheitenregierung mit Tolerierung des Südschleswigschen Wählerverbandes (SSW) möglich erscheinen läßt.

Am Morgen danach genossen sie ihre Schadenfreude. Am Sonntag abend hätten „zwei Leichtmatrosen einige Stunden Kapitän spielen“ können, sagte SPD-Chef Franz Müntefering in Bezug auf Kubicki und Carstensen. „Nun müssen wieder die dran, die es wirklich können.“ Er habe dran geglaubt, meinte Peter Harry Carstensen. Vielleicht ist er nur zu sehr dem ungeschriebenen Gesetz eines jeden Medien-Wahlabends gefolgt: Was auch immer passiert, wie auch immer die Wähler entscheiden, erkläre dich selbst zum Sieger.

Text: @phi
Bildmaterial: AP, FAZ.NET, REUTERS

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