Fernsehen

Rettet „Angel“

Von Dietmar Dath

19. Februar 2004 Die Geschichte hätte dem Erzromantiker Lord Byron einfallen können, vorausgesetzt, der wäre sich nicht zu schade gewesen, seinen üblichen dichterischen Zutaten noch einen Spritzer Milton ("Das verlorene Paradies") und einen Hauch "Doktor Faustus" (Marlowe, nicht Goethe) beizumengen: Da wird ein komplett nichtsnutziger versoffener Hurenbock (David Boreanaz) im spätmittelalterlichen Irland von einer Kurtisane, die zufällig außerdem ein Vampir ist, verführt, gebissen und in ein Kind der Nacht verwandelt. Mehrere Jahrhunderte lang metzelt und saugt er sich durch Alteuropa, von Prag bis Paris, London bis Berlin, dann gerät er an ein junges Roma-Mädchen und also an die Falsche, denn zwar bringt er sie um, wird aber von den mächtigen Hexern ihrer Familie verflucht.

Weil Vampire dämonische Parasiten sind, die ihre menschlichen Wirtskörper bewohnen, wie es ihnen paßt, kann man ihnen keinen größeren Schaden antun, als sie mit der ursprünglichen menschlichen Seele zu konfrontieren, die sie rausgeschmissen haben. "Angelus", der Vampir mit dem Engelsgesicht, wird von den Roma genau damit gestraft: Der Säufer, der er war, kehrt aus dem Totenreich zurück und muß in seinem Monsterleib nun mit den Erinnerungen an all die Greueltaten leben, die jener in der Zwischenzeit begangen hat. Weitere Jahrzehnte vergehen, in denen der Unsterbliche wie Melmoth der Wanderer durch die Dunkelheit irrt, Menschen meidet, sich von Ratten- und Schweineblut ernährt und schließlich dahin geht, wo die Zerlumpten und Verfluchten des staubigen Kontinents beim Anbruch der Moderne auf einmal alle hinwollten: nach Amerika. Dort versteckt er sich zunächst zwischen Mülltonnen und in der Kanalisation, dann rekrutieren ihn höhere Mächte für den Kampf gegen Monster, wie er selbst eins gewesen ist.

Augapfel vieler Kritiker

Sogar verlieben darf er sich, nämlich in eine Sterbliche namens Buffy Summers (Sarah Michelle Gellar), die genau wie er eine kriegerisch-moralische Berufung am Bein hängen hat: Sie ist die Auserwählte, das As im Ärmel des lieben Gottes, und ihr Arbeitsfeld ausgerechnet die möglichst brachiale Eindämmung des - welche Ironie - weltweiten Vampirismus. Miteinander schlafen dürfen die beiden indes nicht, denn Momente wahren Glücks sind dem Vampir mit Seele bei Strafe des erneuten Seelenverlusts untersagt (sonst wäre ja der Sühnekreuzweg kein Kreuzweg mehr, sondern ein unsterblicher Casanovaspaziergang durch die Betten der Sterblichen).

So mußte denn die nicht von Byron, sondern vom Fernsehautor und -produzenten Joss Whedon zusammen mit David Greenwalt erfundene Figur "Angel" nach drei Staffeln aus der Muttershow "Buffy, the Vampire Slayer" ausgelagert und zum Titelhelden ihrer eigenen Serie werden, die bald eigene Fans hatte und aufgrund der erwähnten mythisch-romantischen und theologischen Resonanzen auch zum Augapfel vieler Kritiker zwischen "Entertainment Weekly" und "USA Today" wurde.

Unüblich kluge Fantasy-Shows

Flinke Dialoge und konzeptuelle Originalität - wann handelte je eine Actionserie vom urchristlichen Problem, ob die individuelle Erlösung eher eine Folge göttlicher Gnade oder guter Werke sei? - waren neben solidem filmischen Handwerk und oft überdurchschnittlichen schauspielerischen Leistungen von Leuten wie Andy Hallett ("Lorne") und Alexis Denisof ("Wesley") "Angels" größte Stärken.

Die zählen nun nichts mehr: Das Network "The WB", das noch vor wenigen Jahren mit "Buffy" und "Angel" die stolze Heimat gleich zweier unüblich kluger Fantasy-Shows für junge und weniger junge Erwachsene war, hat angekündigt, die laufende fünfte "Angel"-Staffel werde die letze sein. Fans schicken Post, das Internet kocht (www.saveangel.org). Wenn es dennoch dabei bleibt, ist die Zukunft des nicht nur amerikanischen Fernsehens trist: Reality-Shows sind, bei gleichen Aussichten auf Werbeeinnahmen, einfach billiger zu produzieren als komplexe Serien. Weg von der unwirklichen Kunst, hin zum Billigskandal: Das Wort "Reality" sagt, wo die Reise auch für die öffentliche Debatte übers Fernsehen hingehen soll - auf Wiedersehen Kritik, hallo Klatsch. Es möchte kein Vampir so länger leben.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.02.2004, Nr. 43 / Seite 40
Bildmaterial: Pro7

 
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