19. März 2004 Also gut, n-tv ist ein Nachrichtensender und N 24 ist angeblich keiner. Stichwort "Orgasmus statt Nachrichten". Aber was für ein Nachrichtensender ist n-tv?
Die Antwort: Einer, der Nachricht und Kommentar nicht nur nicht mehr zu trennen weiß, wie es viele Moderatoren im deutschen Nachrichtenfernsehen tun. Nein, n-tv gibt sich, wie zum Beispiel der Sprecher am Mittwoch abend, im Umgang mit Informationen derart flapsig, ja geradezu dreist ironisch, daß einem schlecht werden kann.
Fast unter den Tisch gekippt
Da ist also über das jüngste Bombenattentat in Bagdad zu berichten, von 29 Toten ist die Rede und in der Meldung darauf von "den üblichen Verdächtigen". Nein, nicht von denjenigen, welche die Tat verübt haben könnten, sondern denen, die sich sogleich "zu Wort melden". Gemeint ist in diesem Fall ein Sprecher der amerikanischen Regierung, der das Attentat verurteilt. Einer der "üblichen Verdächtigen" eben. Der sich sogleich "zu Wort meldet". Hernach geht es um die Frage, ob wir in Deutschland zur Terrorabwehr eine Art Nationalgarde brauchen, was der Moderator schief grinsend wohl so kurios findet, daß wir befürchten, er kippt gleich unter den Tisch und fängt an zu wiehern.
Ob wir selbst die Idee gut oder so schlecht finden wie der Nachrichtenmann selbst offenbar, das dürfen wir mit einem Anruf zur Abstimmung bei n-tv kundtun. Unser Urteil über diese verunglückte Darbietung als solche können wir bei der Gelegenheit leider nicht loswerden. An CNN, dem n-tv zu fünfzig Prozent gehört, kann sich der Sender jedenfalls kein Vorbild nehmen. Und selbst beim anderen Muttersender RTL - der am 11. März ganz und gar nicht so nachrichtenstark war, wie man es dank der Bekundungen des Managements nach dem 11. September 2001 erwarten durfte - wäre ein solcher Schnodderton (den leider in immer verunglückterem Maß beim ZDF auch Marietta Slomka anschlägt) nicht zu erwarten, nicht mal beim "Nachtjournal".
Text: miha., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.03.2004, Nr. 67 / Seite 44
Bildmaterial: FAZ.NET
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