Ulrike Meyfarth

Ein Glücksfall und das Trauma am Tag danach

Von Hans-Joachim Waldbröl

16. April 2004 Neun Schritte, eine halbe Drehung, der Riesensatz. Ein "Flop" war das nur in technischer Hinsicht, sportlich gesehen aber genau das Gegenteil: ein klarer Fall für die Geschichtsbücher der Leichtathletik. Der Hochsprung kam vor dem freien Fall in den weichen Schoß der Schaumgummimatte, mitten hinein ins vollendete Mädchenglück, in die tosende Begeisterung des Publikums, die einen umschließt, wenn man selbst die ganze Welt umarmen möchte: Jetzt bin ich Olympiasiegerin! Mit sechzehn Jahren! Ein Goldkind, das sich einen erwachsenen Lebenstraum erfüllt hat! So muß das gewesen sein, mit den 1,92 Metern am 4. September 1972 im Münchner Olympiastadion.

So war es aber nicht, an diesem denkwürdigen Abend, der seine besondere Bedeutung erst am Tag darauf, in den Jahren danach bekommen sollte. Jedenfalls nicht im erinnerten Erleben, in der lebendigen Erinnerung von Ulrike Nasse-Meyfarth. Sie gesteht sich und anderen ein, daß sie nach drei Jahrzehnten gar nicht mehr unterscheiden kann zwischen ihren eigenen Erinnerungen - und den Erinnerungen an die Erinnerungen, die ihr andere eingeflößt haben. Die Außenwelt setzt die vielen Ausrufezeichen, in der Innenwelt der Athletin stehen die Fragezeichen.

"Waren es wirklich neun Schritte? Oder nur sieben? Ich weiß so vieles nicht von dem, was heute erzählt wird über damals. Ich muß auch gar nicht alles ganz genau wissen. Hier, hier steht, es war 19.05 Uhr, als ich die 1,92 Meter gesprungen bin."

Das sagt die bald 48 Jahre alte Ehefrau und Mutter, die als studierte Sportlehrerin und verehrte Sportikone "doch etwas geschafft hat in meinem Leben"; die jetzt aufgesprungen ist, um in einem der vielen Sportbücher zu blättern - und so überrascht ist, als erführe sie eine verblüffende Neuigkeit. Man will ihrem Gedächtnis auf die Sprünge helfen, sie soll sich auf Anfrage ins Hochgefühl zurückversetzen, das sie damals beflügelt hat. Aber ihr genügen die Bruchstücke vollkommen, die Szenen und Sequenzen ihrer filmreifen Geschichte.

"Weil erst nach dem 4. September alles plötzlich wichtig geworden ist. Für mich gibt es ja nicht DEN Sprung, mit dem ich Gold gewann. Keinen bestimmten Augenblick, in dem es klick oder meinetwegen auch klack machte, in dem ich auf einen Schlag realisierte, daß ich Olympiasiegerin war. Statistisch, sicher. Aber nicht in meinem Empfinden. Denn ich hatte ja eigentlich schon gewonnen, als ich im zweiten Versuch die 1,90 Meter schaffte - und nachdem Jordanka Blagojeva und Ilona Gusenbauer diese Höhe im dritten Anlauf gerissen hatten. Also schon bevor ich die bejubelten 1,92 Meter sprang, den Weltrekord einstellte."

Das Erfolgsgefühl der Ulrike Meyfarth wurde überlagert vom Pech der Bulgarin Blagojeva, die sich die gleichen Hoffnungen auf den Olympiasieg machen durfte wie die österreichische Weltrekordhalterin Gusenbauer.

"Bei Jordanka wackelte die Latte minutenlang. Sie war schon auf dem Weg zu ihrer Hose, als das Ding doch noch fiel. Das sollte mein Triumph sein? Da leidet man doch mit. Ich war damals jedenfalls noch nicht abgebrüht genug, nicht mitzuleiden."

Und nicht erfahren genug, um sofort zu erfassen, daß dies ihr Glücksmoment war.

"Mag sein, daß ich da so etwas gespürt habe wie: Jetzt hast du's! Aber es wurde mir gesagt: Du bist Olympiasiegerin. Und das Stadion tobte ja auch. Ich meine mich zu erinnern, daß ich jetzt wissen wollte, ob ich noch etwas höher springen muß, um wirklich Siegerin zu sein."

Also ließ sie die Latte auf 1,92 legen - obwohl sie gewußt haben will, daß sie damit den Weltrekord nur egalisierte.

"Aber noch einen Zentimeter draufzusetzen, das war einfach zu hoch für mich. Ich war nicht so eine Pokerliese. Erst als ich die 1,92 im ersten Versuch erledigt hatte, da war ich plötzlich mutig mit den 1,94. Da war es mir scheißegal, was daraus wird. Aber vielleicht wollte ich es einfach auskosten, im Rampenlicht zu stehen."

Mag sein, kann sein, ich glaube, vielleicht - Ulrike Nasse-Meyfarth schildert die bedeutendsten Momente ihrer Laufbahn, als wäre sie gar nicht die Herrin des Geschehens gewesen. Und so fühlte sie sich auch nicht.

"Alles war nur ein Film, so unwirklich. Ich wurde allmählich zur Hauptdarstellerin, klar, aber zugleich stand ich daneben, als Zuschauerin. Meine Erinnerung setzt ein, als mein Name zum erstenmal auf der Anzeigetafel erschien. Erst ganz unten, dann kletterte er immer höher. Da wurden die Zuschauer meiner gewahr - und ich habe mich selbst bemerkt. Die Leute sprangen von ihren Stühlen auf, schrien nach jedem Sprung. Das hatte ich nicht erwartet, das ist mir aufgefallen. Und daß sie bei meinem Fehlversuch über 1,90 Meter gepfiffen haben. Das konnte ich nicht einordnen. Ihr undankbares Volk, habe ich gedacht, was wollt ihr eigentlich?! Es geht doch noch weiter."

Es ging noch weiter, noch höher. Bis die schlaksige Schülerin, mit einer Bestleistung von 1,85 angereist und selbst schon 1,86 Meter lang, buchstäblich über sich hinauswuchs: bis auf jene 1,92, die sie sich nie hätte träumen lassen, als sie noch staunend vor dem Olymp stand. Und dessen Gipfel sie wohl auch nur deshalb erreichte, weil sie im Traum nicht daran gedacht hatte. Erst gut drei Jahre im Leistungssport, war sie, obwohl inzwischen deutsche Rekordhalterin, nur als Dritte der deutschen Meisterschaften für das Olympiateam nominiert worden.

"Man hat mich nur zu diesen Heimspielen mitgenommen, weil ich Erfahrung sammeln sollte. Hinterher haben mir viele erzählt, eigentlich hätte ich es ihnen zu verdanken, daß ich mitdurfte. Da wollten sich so einige an meinen Erfolg dranhängen."

An den Erfolg einer Unbedarften, eines unbelasteten Mädchens, das sogar vom Gefühl der Geringschätzung profitierte; dem es die Jungen nicht leichtmachten - und das es den Jungen nicht leichtmachte; das deshalb im Sport seinen Schwerpunkt suchte.

"Ich gefiel den Jungs nicht, weil ich so ein langes Klappergestell war. Ich hatte natürlich daran zu knapsen, daß andere Mädels schon heftig rumflirteten. Aber ich gefiel mir ja selbst nicht - nur am Sport hatte ich Spaß. Man lebt in diesen jungen Jahren doch vom Vergleich mit den anderen. Das schlechte Körpergefühl habe ich auch nach meinem Olympiasieg noch lange nicht verloren. Im Sportstudium, unter meinesgleichen, habe ich mich dann besser gefühlt."

Der ungeliebte Körper war ihr Kapital, das sie in München gewinnbringend einsetzte, ohne alles zu investieren:

"Ich hatte nur das Gefühl: Ich bin gut dabei. Aber nicht: Ich will jetzt, ich muß jetzt. Oder: Ich muß mich ganz dolle anstrengen. Es lief. Das war der letzte Wettkampf, der so lief. Der erste eigentlich, aber auch der letzte."

Denn danach wurde schlagartig alles anders, auch wenn das Hochgefühl noch für wenige Stunden anhielt.

"Alles war immer noch laut, kreischend. An Heide Rosendahl kann ich mich erinnern, die hat mir zuerst gratuliert. Mein Vater hatte sich plötzlich auf der Zielgeraden zu mir durchgekämpft, drückte mich. Dann ging es in die Katakomben. Ich wurde für die Siegerehrung ein bißchen nett gemacht, gekämmt und so. Anschließend zum Fernsehen, wo man mir den Strauß Rosen von Willy Brandt überreichte, rot und langstielig, und wo ich dann mein "Vielen Dank, Herr Bundeskanzler!" aufsagte. Kürzlich habe ich eine Aufzeichnung davon gesehen - erschreckend, wie ungeschickt, wie kindlich und piepsig ich da wirkte. Irgendwann saß ich wieder allein in meinem Studentenzimmer. Keine Feierei, nichts, ich war noch viel zu brav, die Sau rauszulassen. Ich versuchte zu schlafen. Doch das ging nicht."

Morgens ist sie dann trotzdem wach geworden. Über Nacht hatte ihr neues Leben begonnen - mit dem Tod. Eine krasse Wende in ihrer blutjungen Biographie und in der olympischen Geschichte: der 5. September, das Attentat auf die israelische Mannschaft. Das persönliche Triumphgefühl, das sie erst an diesem Tag danach so richtig auskosten wollte, war wie weggeflogen nach dem kollektiven Stimmungsabsturz.

"Ich war völlig vor den Kopf gestoßen. Nach so einem Erlebnis gleich diese Nachricht. Ich stand nicht mehr im Mittelpunkt, das hatte sicher auch Vorteile."

Doch das Echo auf ihren unglaublichen Erfolg war nicht verhallt, es hatte nur ausgesetzt in der schrecklichen Stille. Die Postflut setzte ein.

"Da kamen Wäschekörbe voller Briefe, sogar Heiratsanträge waren dabei. Wie peinlich mir das war!"

Überwältigend erschien alles und nicht zu bewältigen. Mutter Doris kämpfte sich durch die Post, Vater Günter versuchte sich als Manager seiner Tochter, die plötzlich umworben war, aber nicht werben durfte.

"Ich bekam einen Gutschein vom Fahrlehrer bei uns in Wesseling, zu gegebener Zeit den Führerschein zu machen. Zwei Jahre später, mit 18. Unser Friseur hat mir umsonst die Haare gemacht, ein Foto davon ins Schaufenster gestellt, da kam gleich der Verband: ,Das darfst du nicht, das verstößt gegen den Amateurparagraphen.' Lachhaft damals."

Alle waren überfordert. Ihr Vater stemmte sich erfolglos gegen den Journalistenansturm. Die sollten ihm nicht länger die Teppiche schmutzig machen, wetterte er - wenn wieder mal ein Kamerateam in Ulrikes Jugendzimmer auftauchte und sie sich auf dem Bett räkeln sollte.

"Das würde ich meinen beiden Töchtern, die ältere wird übrigens in diesem Jahr sechzehn, nicht antun, sondern sagen: ,Hier ist die Haustür, bis hierher und nicht weiter.' Ich möchte ihnen diese berühmten Erfahrungen nicht unbedingt wünschen - nicht: nicht gönnen, sondern: nicht zumuten. Der Druck war nicht auszuhalten. Ich war plötzlich bekannt wie ein bunter Hund."

Sie konnte sich nicht mehr unbefangen bewegen, stand ständig unter Beobachtung, auch in der Schule.

"Meine Lehrer hatten zwar versprochen: Wir alle helfen unserer Ulrike. Aber davon habe ich nichts bemerkt."

Im Sport kam es noch schlimmer. Immer wieder hat man ihr in den drei Jahren, ehe sie erstmals wieder diese 1,92 schaffte, zu verstehen gegeben: Eine Olympiasiegerin kann es sich nicht leisten, nur 1,80 zu springen.

"In dieser Zeit habe ich gesagt: Ich verfluche diesen Tag. Diesen Sieg, auf den ich nicht vorbereitet war. Das mußt du dann nachholen und bestätigen, daß du dieses Geschenk verdient hast. Das konnte natürlich nicht klappen."

Nein sagen lernen, anderen die Grenzen zu ziehen, das mußte Ulrike Meyfarth erst ausprobieren. Das war die Zeit, in der sie bockig, spröde, zickig auftrat. Aufwärts ging es erst nach der olympischen Qualifikationspleite 1976 in Montreal, dem absoluten Tiefpunkt, mit dem väterlichen Trainer Gerd Osenberg.

"Der hat mir beigebracht, die Fehler bei mir zu entdecken und nicht bei anderen zu suchen."

Die zweite Karriere begann, das zweite Leben einer anderen Ulrike Meyfarth, die zwölf Jahre nach 1972 noch einmal Olympiasiegerin wurde: 1984 in Los Angeles, mit 2,02 Metern. Beides gehört zusammen in dieser "komischen Karriere", wie sie es nennt. Aber miteinander vergleichen will Ulrike Nasse-Meyfarth 1972 und 1984 nicht:

"München, das war die einmalige Sache, davon träumt jeder Mensch. Aber ich mußte mir diesen Sieg erst hinterher verdienen. Das ist viel härter, als wenn man auf ein Ziel hinarbeiten darf, wie auf Los Angeles. Sportlich war das die größere Leistung. Man baut sich auf, und das baut einen auf. Das ist gesünder, als wenn einem der größte Erfolg so überraschend in den Schoß fällt. Da weiß man noch gar nicht, ob man darüber glücklich sein darf."



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.04.2004, Nr. 90 / Seite 32
Bildmaterial: dpa

 
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