01. März 2004 "Ferry Tales" - "Geschichten von der Fähre" mit Anklängen an "fairy-tales" ("Märchen") - heißt der vierzigminütige Film der deutschen Regisseurin Katja Esson, der in der Kategorie "Bester Kurzdokumentarfilm" für einen Oscar nominiert war. Er handelt von Geschichten, die sich New Yorkerinnen tagtäglich auf der Damentoilette der "Staten Island Ferry" erzählen, die sie von ihrem Wohnort Staten Island zur Arbeit nach Manhattan bringt.
Die 38 Jahre alte Katja Esson lebt schon lange in den Vereinigten Staaten und wohnt in New York. Als die Oscar-Nominierungen Ende Januar bekanntgegeben wurden, war die Filmemacherin mit ihrem Freund im brasilianischen Dschungel und beobachtete Vögel - erst Tage später erfuhr sie von der Auszeichnung. Den Preis erhielt am Sonntag abend Maryann DeLeo für "Chernobyl Heart".
Was hatten Sie in Ihre Dankesrede hineingeschrieben?
Ich hatte keine Dankesrede geschrieben. Ich bin in dieser Hinsicht ein kleines bißchen abergläubisch. Natürlich hätte ich den Frauen aus meinem Film gedankt. Und allen, die am Film mitgearbeitet haben und den Film möglich gemacht haben. Und meiner Familie in Deutschland - in Hamburg und im Kleinwalsertal. Und der Crew natürlich, die hier bei mir sitzt. Offenbar habe ich im Kopf doch schon mehr an meiner Rede gearbeitet, als ich dachte.
Wo sind Sie gerade?
Wir kommen von der Oscar-Verleihung, sitzen in einer großen Limousine und fahren fröhlich durch Los Angeles.
Noch mal zurück zum Anfang des Abends: Wie war der Weg über den roten Teppich?
Der war wirklich unglaublich! Ich war - eingeklemmt, wollte ich fast sagen - also vor mir war Holly Hunter und hinter mir Robin Williams - und das war ziemlich irre. Ich habe ein auffälliges Kleid an, deswegen mußte ich mich ständig drehen und andauernd den Namen meines New Yorker Designers nennen. Das hat wahnsinnig lange gedauert.
Es hat auch eine Weile gedauert, bis Sie sich auf den Designer Eric Gaskin eingelassen haben, obwohl er schon Schauspielerinnen wie Salma Hayek und Kim Cattrall eingekleidet hat.
Das stimmt. Doch die Frauen aus meinem Film hätten mich ohne Abendkleid nie zum Oscar gelassen.
Welcher Oscar-Gewinner hat Sie am meisten beeindruckt?
Sean Penn. Seine Rede war toll. Es war auch die einzig politische. Das heißt, Errol Morris hat auch politisch geredet und seinen Film "The Fog of War", in dem es um das Thema Vietnam geht, mit der heutige Situation verglichen. Morris zählt zu den bekanntesten Dokumentarfilmern, war aber in diesem Jahr - wie ich - zum ersten Mal nominiert. Doch er hat den Oscar sofort gewonnen. Morris ist übrigens auch mit Turnschuhen auf die Bühne gegangen. Dabei ist Abendkleidung vorgeschrieben.
Gibt es Vorgaben vom Veranstalter, was man sagen darf und was nicht?
Nein, nur wie lange eine Rede sein darf. Wer sich nicht an die 45 Sekunden hält, der wird von der Musik des Orchesters unterbrochen.
Sie saßen im Kodak Theatre in Los Angeles mit Ihren direkten Konkurrentinnen zusammen.
Das ist ja das Wahnsinnige. Wir sind drei Filmemacherinnen aus New York und kennen uns natürlich alle. Und mögen uns alle. Da saßen wir dann und haben uns gesagt: Können wir nicht einfach einen Deal machen und uns den Oscar teilen?! Übrigens fahren wir jetzt alle noch zur "Vanity-Fair"-Party.
Wenn Sie so gut miteinander befreundet sind, haben Sie den Oscar Ihrer Kollegin bestimmt schon in Händen gehalten.
Aber klar. Obwohl Maryann DeLeo ihn am liebsten gar nicht mehr loslassen wollte. Unglaublich, wie schwer dieses Teil ist.
Es gibt das Gerücht, daß man schon vorher an der Sitzordnung erkennen kann, wer einen Oscar gewinnt, obwohl die Preisträger bis zuletzt geheim bleiben sollen?
Das ist wohl wirklich so. In vielen Fällen zumindest. Nicht bei den Schauspielern, aber in unserer Kategorie war es ganz klar. Der spätere Gewinner saß am Gang. Was die Sache natürlich vereinfacht.
Wie weit weg von der Bühne saßen Sie?
Vielleicht zehn, zwölf Reihen. Links hinter mir saß Florian Baxmeyer, der zweite Deutsche, der für einen Oscar nominiert worden war. Er saß übrigens witzigerweise am Gang und hat dann doch nicht gewonnen.
Hat sich in den Tagen vor der Verleihung schon viel für Sie geändert?
Ich habe so viele Leute kennengelernt, da fliegen jetzt einfach die Türen nur so auf. Das ist schon toll. Eben waren wir noch auf dem "Governors Ball", der wichtigsten Party für alle Gewinner und Nominierten nach der Verleihung. Da trifft man wahnsinnig wichtige Menschen.
Wann kann man Ihren Film auch in Deutschland sehen?
Wir sind gerade in Verhandlungen. Ich weiß zwar noch nicht, wann, aber ich hoffe, bald wird er auch in Deutschland zu sehen sein.
Haben Sie schon ein neues Projekt?
Ja, eine Auftragsproduktion für den Fernsehsender Arte. Genaueres darf ich noch nicht sagen. Nur, daß es dieses Mal kein kurzer, sondern ein langer Dokumentarfilm werden wird.
Die Fragen stellte Peter-Philipp Schmitt.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.03.2004, Nr. 52 / Seite 11
Bildmaterial: AP
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