Tonträger

Die Elektro-Lerche, nicht die Dance-Nachtigall: Zwei Seiten von „Sónar 2002“

Von Michael Schuh

15. Juli 2002 Ein offenes Lachen trägt er zu Gesicht, an seinem Oberkörper prangt kein blau-weiß gestreiftes Trikot, sondern ein knallrotes Sónar-Shirt: Diego Maradona, argentinischer Fußball-Gott der 80er Jahre, ziert das Cover der diesjährigen Sonár-Compilation. Hinsichtlich der im elektronischen Musiksektor nicht abebbenden Hysterie für gewisse Soundscapes dieses Jahrzehnts eine durchaus treffliche Coverboy-Wahl.

Ob diese Herleitung aber den wahren Grund der Maskottchen-Wahl darstellt, darf ob der zeitgleich zum Festival stattfindenden Fußball-WM einmal bezweifelt werden, genau wie ungewiss bleibt, ob Maradona eine Ahnung hat, wofür er sein Konterfei denn in diesem Fall hergab.

Entdeckungstouren im Untergrund

Nun, einem so renommierten wie stilvollen Musik-Festival kann ein solcher PR-Coup nur Recht sein. Schließlich geht es den Machern nach wie vor darum, Interpreten moderner, elektronischer Musik vorzustellen, die der selbst gesteckten Zielvorgabe „International Festival of Advanced Music and Multimedia Arts“ gerecht werden. Vor vier Wochen ging zum mittlerweile neunten Mal das Sónar Festival über mehrere Bühnen Barcelonas, das wie die Jahre zuvor wieder zahlreiche Musik-Fans, Künstler, Label-Betreiber und A&R-Manager in die Hauptstadt Kataloniens lockte. Gründe dafür hörten in der Vergangenheit zwar auf große Namen wie Kraftwerk, Autechre und Aphex Twin, große Faszination geht aber seit jeher von den zahlreichen Underground Acts, DJs und Laptop-Freaks aus.

Interessanteres Tagesprogramm

Um diese dreht es sich auch auf dem schick kompilierten Doppel-Album „Sónar 2002“, das einige der Festival-Teilnehmer dieses Sommers vorstellt. Hat man die Tonträger inmitten der opulenten Maradona-Fotostrecken im Innenteil der CD-Verpackung gefunden, begrüßt einen auf CD1 Colomas traurige Elektronikballade „Transparent“. Etwaige Sentimentalitäten werden von der wunderbar basslastigen Remixversion im Nu zerstört, die Bomb The Bass dem Lali Puna-Song „Clear Cut“ aufdrücken.

Die in der ersten Hälfte gelisteten Tracks bilden mit einem Querschnitt aus dem Sónar-Tagesprogramm den interessanteren Part der Compilation. Von den New Yorker Kunstfetischisten Crossover gibt es den Hüftverbieger „The Great Katanza“, die Beiträge von Static und Punk'n'Wave-Veteran Arto Lindsay erinnern in ihrer atmosphärischen Dichte an die nicht anwesenden The Notwist. Ein weiteres Highlight ist Donna Reginas sphärischer Glockenspiel-Schwofer „Driftin' Around“ und der eine zarte Melodie konterkarierende Gurgel-Beat Nikakois.

Katalanische Strand-Sehnsüchte

Die zweite CD orientiert sich, dem schwungvollen Sónar-Nightlife entsprechend, am Techno- und House-Bereich. Einen angenehm perlenden Beginn liefern Wagon Cookin', die ihrem jazzy House Trompetenklänge und Frauengesang beimischen. Einmal mehr katalanische Strand-Sehnsüchte beschwören auch Brooks und der im Minimalbereich unerreichbare Luomo mit ihren Grooves herauf.

Überflüssig sind freilich platte Techno-Stomper, wie sie Produzentenlegende Arthur Baker auffährt, die aber einen schönen Kontrast zum funky durchdachten Techno eines Si Begg markieren, der mit seinem SI Futures-Projekt vertreten ist. „Sónar 2002“ ist ein über weite Strecken spannender Festival-Nachtrag geworden, der den Stellenwert des spanischen Underground-Treffens nachhaltig unterstreicht.

„Sonár 2002“ ist auf Sonarmusic / Efa erschienen.



Text: @msch
Bildmaterial: Efa-Medien

 

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