Von Fridtjof Küchemann
14. Mai 2002 Zeit und Raum sind die beiden Achsen, an denen Fernando Corona seine Musik aufhängt. Das ist an sich noch keine Überraschung. Auch dass Murcof, wie sich der Mexikaner auf seinem Album Martes nennt, die Aufnahmen klassischer Instrumente mit elektronischen Sounds verbindet, ist an sich noch keine Innovation.
Mit welchem Timing er die wenigen schlichten Streicher-, Klavier- oder Gesangsfiguren fragmentiert und collagiert und mit einzelnen elektronischen Tönen gegengewichtet, wie er sie mit britzeligen elektronischen Rhythmen kombiniert und wie er alles in einem hybriden Raum - halb konzertante Kammer, halb virtual reality, fasst - das allerdings ist unerhört.
Spannung zwischen Getragenheit und Nervosität
Mit einigen dumpfen künstlichen Klängen - oder sind es bereits ansatzlose Klavier-Cluster - erschließt Murcof den Raum des Eröffnungsstücks Memoria. Und schon bevor er den ersten Klavierakkord kenntlich macht, indem er auch den typischen Anschlag dieses Instruments zeigt, bricht er mit kaum merklichem Flackern den Raumeindruck, den die ersten Töne erzeugt haben.
Ein hochfrequenter, delikat schmurgelnder Elektro-Beat setzt ein, der die einzelnen Klangmonumente strukturiert und aufeinander bezieht. Das Cello kommt dazu, eine getragene, äußerst schlichte, im Lauf des Stücks unzählige Male wiederholte Figur. An Satie, zuweilen auch an Arvo Pärt erinnernde Instrumentalfiguren über den ruhend verklingenden Klavierakkorden.
Prekär, brüchig, fein nervig
Auch die Instrumente steuern Störgeräusche bei, ein Kratzen auf der Cello-Saite, ein Pedalgeräusch, zuweilen werden ihre Klänge unterbrochen, um sich flackernd erneut zu stabilisieren. Auf ihre getragene Romantik ist unter den Bedingungen der Elektronik kein Verlass. Ihr Gewebe, und das macht die wachsende Faszination an den Aufnahmen Murcofs aus, bleibt brüchig, bleibt prekär. Und dennoch bieten sie Versenkung an, wirken nicht nur minimalistisch, sondern zugleich nahezu spirituell.
Selten hat eine dermaßen instabile Musik soviel Halt gegeben, selten bot eine dermaßen hoffnungslose Schermut soviel Erhellung. Und selten hatte eine derart getragene, fließende Musik soviel minimalistischen Groove. Großartig.
Martes von Murcof ist auf The Leaf erschienen.
Text: @kue
Bildmaterial: The Leaf
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