29. Mai 2002 Der Schriftsteller Martin Walser hat am Mittwoch folgende Stellungnahme mit der Überschrift Auskunft über eine Polemik übermittelt:
Frank Schirrmacher schreibt über meinen Roman: "Es geht um den Mord an einem Juden". Erstens passiert im ganzen Buch kein Mord. Zweitens geht es im ganzen Buch nicht um einen Juden, sondern um einen Kritiker. Das Buch erzählt die Erfahrungen eines Autors mit Machtausübung im Kulturbetrieb zur Zeit des Fernsehens. Wie Schirrmacher dazu kommt, dieses Thema auf den Holocaust zu beziehen, weiß ich nicht. Ein Beispiel dafür, wie er arbeitet, er schreibt: "Die "Herabsetzungslust", die "Verneinungskraft", das Repertoire antisemitischer Klischees ist leider unübersehbar...". Das heißt aber doch, Herabsetzungslust und Verneinungskraft seien etwas Jüdisches und wenn man Herabsetzungslust und Verneinungskraft kritisch behandelt, operiert man antisemitisch.
Für mich ist eindeutig antisemitisch die Unterstellung, Herabsetzungslust und Verneinungskraft seien etwas Jüdisches. Das hätte man wohl in der Nazizeit so gesagt, daß es aber genau so heute in der FAZ gesagt wird, darf einen wundern.
Aber so wunderlich ist der ganze Artikel. "Tod eines Kritikers" ist auch ein Buch über das Schicksal der Poesie unter Bedingungen des immer rauher werdenden Kulturbetriebs. Poesie hat schlechte Quoten. Darüber darf ein Roman elegisch werden. Er darf aber auch polemisch werden, wenn er endlich einmal das, was man als Autor jahrzehntelang einzustecken hat, auf literarische Art beantwortet.
Ich habe das Buch mit der Widmung versehen: "Für die, die meine Kollegen sind". Ich habe auf meine Erfahrungen nicht mit Kolportage reagiert, sondern mit Literatur. Ich kann es nicht begreifen, daß jetzt so getan wird, als sei eine Romanfigur identisch mit ihrem Vorbild in der Wirklichkeit. Eine Romanfigur hat immer mehr als ein Vorbild. Aber am wenigsten begreife ich, daß Schirrmacher gegen jeden Brauch und Anstand über ein Buch schreibt und urteilt, das noch nicht erschienen ist.
Das Manuskript wurde der FAZ überlassen zur Prüfung, ob sie es vorabdrucken wolle. Wenn sie das nicht wollten, hätte eine Mitteilung an den Verlag genügt. Ich nehme an, Frank Schirrmacher sah sich aus Gründen, die ich nicht kennen kann, nicht einmal kennen will, genötigt, sich auf sehr opportune Weise einzumischen. Das tut mir leid. Für ihn.
Text: dpa
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