Von Gerhard R. Koch
10. Februar 2004 Seit den mythischen Anfängen der Musik gehört zu dieser die Figur des Auserwählten, exemplarisch der alle in seinen Bann schlagende Sänger Orpheus. Doch nicht nur um göttliche Fügung geht es: Vor den Ruhm haben die Himmlischen den Preis gesetzt, die Auszeichnung vor allen anderen; zu erlangen meist durch die nun allerdings wieder höchst irdische Institution des Wettbewerbs - etwa der Meistersinger in Wagners gleichnamiger Oper oder des scheiternden Freigeists Tannhäuser im "Sängerkrieg auf der Wartburg".
Über Sinn und Unsinn des "Concours"-(Un-)Wesens läßt sich endlos streiten, doch ein erster Preis bei einem der global renommierten Foren kann schon einen erheblichen Karriereschub bringen. Dabei gibt es noch andere Kategorien der Prämierung für große Persönlichkeiten der Musik, etwa die der Münchner Siemens-Stiftung.
Alles andere als ein Show-Star
Hinzu kommt eine Nobilitierung besonderer Art: der "Grammy". Als Gegenstück zur Kino-Prämierung der "Oscars", weltweit bestauntem und, nicht zuletzt merkantil, folgenreichem Hollywood-Spektakel, wird er seit 1958 jährlich von der "National Academy of Recording Arts and Science" verliehen, und zwar in gut hundert Sparten, weit gefächert zwischen Pop und Klassik, wobei die U-Musik einen Anteil von neunzig Prozent stellt. Daß der kommerzielle Aspekt dabei eine Rolle spielt, amerikanische Künstler im Vordergrund stehen, ist so klar, wie es kritisiert worden ist.
Aber in der E-Musik haben auch immer wieder europäische, auch deutsche Künstler reüssiert; gleichwohl ist ein deutscher Preisträger immer noch eine kleine Sensation. Und die jüngste Vergabe war dies in gleich mehrfacher Weise: In der Nacht zum Montag wurde der Baßbariton Thomas Quasthoff als bester klassischer Solist (für eine CD mit Schubert-Liedern) ausgezeichnet. Überraschend dabei war weniger das nicht unbedingt süffige Repertoire, sondern: Ausgerechnet in einer Medienwelt, in der glamouröse Erscheinung von entscheidender Bedeutung ist, wurde ein Musiker prämiert, der alles andere als ein Show-Star ist.
Reich in Farbe und Gestus
Denn Thomas Quasthoff, nur 1,31 Meter groß, hat keine Arme. Er ist das, was man, mitleidlos, ein "Contergan-Kind" nannte, von Geburt an fundamental behindert. 1959 in Hildesheim geboren, studierte er in Hannover Gesang, außerdem Jura, begann als Sprecher beim Norddeutschen Rundfunk. Doch schon 1987 gewann er den Würzburger Mozart-Wettbewerb, 1988 den weit wichtigeren der ARD in München. Seitdem ist er ein immer begehrterer Sänger geworden, gleichermaßen in Lied wie Oratorium. Hört man ihn mit Bach, Schubert, Brahms oder Mahler, so erkennt man den authentischen Baßbariton, mit dunkler, schwerer Tiefe und bisweilen fast tenorheller Höhe. Thomas Quasthoff vermag denn auch Lieder wie Oratorien-Partien stimmlich zu "registrieren", in Farbe und Gestus reich zu charakterisieren, ja fast könnte man sagen, ihnen quasi Bühnenrelief zu geben.
Und seinen überzeugenden Weg hat er gemacht, weil es ihm generell widerstrebte, seine Behinderung entweder als Nachteil oder gar als Sonderfall-Bonus zu instrumentalisieren. Im Gegenteil: Er empfindet sich als "glücklichen" Menschen, der so engagiert wie erfüllt seiner Kunst lebt, diese als Professor weitergibt. Die Opernbühne, obschon nicht seine Domäne, scheut er nicht: Bei den Salzburger Osterfestspielen 2003 sang er den Minister (im Frack) in Beethovens "Fidelio"; in Wien steht Wagners "Parsifal"-Amfortas an - auch er mit einem körperlichen Gebrechen, also ihm identifikatorisch nachvollziehbar, im gesanglichen Espressivo ohnehin.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.02.2004, Nr. 34 / Seite 10
Bildmaterial: dpa
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