Akademie der Künste

Gehen kann ich allein

Von Heinrich Wefing

15. Dezember 2005 Kurz vor Beginn der akademischen Weihnachtsfeier, während im Hintergrund schon die Plätzchen auf die bunten Teller verteilt wurden, hat der Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg gestern nachmittag in einer Personalversammlung seinen Rücktritt vom Amt des Präsidenten der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Künste erklärt.

Es war der angemessen dissonante Ausklang eines verhagelten Jahres, das für die Künstlersozietät alles hätte zum Besseren wenden sollen, nun aber in Scherben und Zorn endet. Überraschend deutlich sprach Muschg von „unüberbrückbaren Differenzen mit dem Senat der Akademie“, dem neben anderen die Direktoren und Vizedirektoren der sechs Kunst-Sektionen angehören, die Gralshüter der Stagnation.

Letzter Auslöser für Muschgs resignierten Rückzug war der Streit um die künftige Satzung der Institution, im Kern aber geht es um deren Reformierbarkeit, um deren Zukunft, genauer: um ihren Willen zur Zukunft.

Immobil und uninspiriert

Muschgs Rücktritt ist ein tosendes Eingeständnis des Scheiterns. Nicht des Präsidenten freilich allein, nicht einmal in erster Linie, sondern der Institution. Die Berliner Akademie der Künste, das traditionsreiche Gefäß preußischen Geistes, eben erst wegen ihrer vermeintlich nationalen und internationalen Ausstrahlung in die finanzielle Obhut des Bundes übernommen, steht vor dem intellektuellen Konkursgericht.

Mit dem Abschied ihres vornehmsten und einzig sichtbaren Repräsentanten liegt nun offen zutage, was allseits bekannt war: Die Akademie des Jahres 2005 ist ein immobiles, uninspiriertes, tief gespaltenes Haus, von dem für die Stadt, geschweige denn für die Republik, seit langem keine Reize mehr ausgehen.

Die Schar der Akademiker ist derart überaltert, daß selbst Mittvierziger wie Jungspunde wirken; die prominentesten der Mitglieder nutzen die Akademie nur als Bühne, nicht als Labor, und die weniger prominenten erschöpfen sich darin, Konkurrenten fernzuhalten. Die verschiedenen Sektionen bosseln still vor sich hin, eifersüchtig darauf bedacht, die eigene Unabhängigkeit gegen jeden Hauch einer gesamtakademischen Inanspruchnahme zu verteidigen; das neue Haus am Pariser Platz hat sich als schwer bespielbar erwiesen, und die alte Rolle der West-Berliner Akademie, herausragender Ort für Ausstellungen und Debatten zu sein, ist ihr in der Kakophonie der hauptstädtischen Veranstaltungsstätten abhanden gekommen.

Ein deplorabler Zustand

Dabei hat die Politik gerade erst, im vergangenen Sommer, bei der feierlichen Eröffnung des prächtig verspielten Neubaus, gleichsam auf den Knien gelegen vor der Akademie und sie in Grußwort nach Grußwort angefleht, sich doch bitte, bitte einzumischen, sich Gehör zu verschaffen, ihres Amtes zu walten.

Was aber Amt und Aufgabe einer Akademie der Künste heute sein kann, zumal unter den dissonanten, versteinerten und inzestuösen Bedingungen Berlins, darauf gibt es keine Antwort mehr. Sich immerfort und ausschließlich auf Liebermann zu berufen, ausgerechnet auf Liebermann, der nun seinerseits partout nicht der typische preußische Akademiker war, genügt gewiß nicht.

Niemand kann diesen deplorablen Zustand klarsichtiger und schärfer beschreiben als Adolf Muschg selbst. Fast drei Jahre lang aber, seit seiner Wahl im Mai 2003, hat der Büchnerpreisträger den niederschmetternden Befund eben nur bei geschlossener Tür und in kleinem Kreis vorgetragen.

„Die Akademie braucht einen geistigen Fahrplan“

Erst jetzt, in einer längeren persönlichen Erklärung, hat er die Zurückhaltung wenigstens zum Teil aufgegeben: Die Akademie dürfe ihrem „eigenen Anspruch - der, bei Licht besehen, ebenso monströs wie fiktiv ist -“ nicht länger „geradezu alles schuldig“ bleiben, donnert Muschg und fordert ein Bekenntnis zum Ganzen: „Die Sektionen dürfen sich nicht mehr, wie bisher, damit begnügen, Sonderzüge auf gut Glück abzufertigen. Die Akademie braucht ein zusammenhängendes Schienennetz und einen geistigen Fahrplan.“

Die bislang einzige unbestrittene, vielleicht gar identitätsstiftende Funktion der Akademie sei es, spitzte Muschg selbst gelegentlich zu, den eigenen Nachlaß zu bewahren. Aber es ist eine bittere Pointe, daß ausgerechnet die Archivräume im Keller des Neubaus am Pariser Platz verschimmeln.



Text: F.A.Z., 16.12.2005
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

 
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