Von Louis Begley
20. Februar 2003 Als ich vor einigen Wochen gebeten wurde, über den wachsenden Antiamerikanismus in Europa und dessen Folgen für uns, die happy few auf beiden Seiten des Atlantiks, zu schreiben, mußte ich lachen. Das sei doch die älteste und müdeste aller Zeitungsenten, sagte ich. Es ist schwer, so laut zu quaken, nur weil einige Kolumnisten und "öffentliche" Intellektuelle ihr einen Stoß versetzen, sobald es an großen Themen fehlt, mit denen sie ihr tägliches Brot verdienen können. Und da ich Grausamkeit gegen Tiere hasse, fügte ich hinzu, wolle ich auch nicht grausam gegen Leser sein.
Langfristig betrachtet, hatte ich damit vollkommen recht. Der Antiamerikanismus ist so alt wie Yankee Doodle; er entstand zusammen mit den dreizehn abtrünnigen amerikanischen Kolonien. Während des ganzen neunzehnten Jahrhunderts haben europäische Schriftsteller sich ein Vergnügen daraus gemacht, über eine Reihe amerikanischer Stereotypen herzufallen: den amerikanischen Hinterwäldler; Sklavenbesitzer, Sklavenhändler und Sklavenjäger; neureiche Amerikaner, die nach kultureller Verfeinerung gieren, aber nicht einmal wissen, wie man richtig mit Messer, Gabel und Löffel umgeht; steinreiche amerikanische Mütter und Väter, die in Europa Alte Meister aufkaufen und nach aristokratischen Ehemännern für ihr Töchter Ausschau halten; amerikanische Cowboys und Indianer und korrupte, vulgäre Politiker. Der Minderwertigkeitskomplex der Amerikaner angesichts des Reichtums europäischer Kultur, Bildung und Lebensart ist ein unerschöpfliches Thema, und niemand hat besser darüber geschrieben als die großen amerikanischen Romanciers Mark Twain, Henry James und Edith Wharton.
Auf der anderen Seite hielten die Amerikaner sich von Anfang an für ein außergewöhnliches Volk: im Besitz eines von den Lastern Europas noch nicht beschmutzten Landes und dazu bestimmt, auf diesem Boden eine vollkommenere Gesellschaft zu schaffen, wie es sie noch niemals zuvor gegeben hatte. Dieses Thema läßt sich in der amerikanischen Politik bis zur Verkündung der Monroe-Doktrin zurückverfolgen, und in der Literatur zeigt es sich in dem Verdacht, daß hinter der Fassade kultivierter europäischer Lebensart das Böse lauere. Doch all das hinderte Amerika nicht, zum Himmel und gelobten Land der unbegrenzten Möglichkeiten für Generationen von Einwanderern aus allen Winkeln Europas und später auch der restlichen Welt zu werden. Es mag wie ein großartiger Scherz der Vorsehung klingen, doch diesen bedürftigen und oft ungebildeten Neuankömmlingen gelang es, ihre Wahlheimat, die Vereinigten Staaten, zur vielfältigsten, kreativsten und mächtigsten Gesellschaft der Geschichte zu machen. Die Einwanderung hielt an und damit auch die Bereicherung der amerikanischen Bevölkerung. Doch bis zur zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts mußten die Einwanderer, sofern sie nicht englischer, deutscher oder hugenottischer Abstammung waren, einen aufreibenden Anpassungsprozeß durchmachen, für den der amerikanische Schmelztiegel eine treffende Metapher darstellt.
Spekulanten zu Millionären
Abgesehen von den beiden Zwischenspielen des Ersten und Zweiten Weltkriegs, als Doughboy und GI in Europa zu Ikonen avancierten, wurden die Amerikaner unermüdlich verspottet. Sie wurden als Gangster oder Alkoholschmuggler karikiert; aus Spekulanten wurden frischgebackene Millionäre, die man, bevor Auschwitz ins allgemeine Bewußtsein drang, häufig mit jüdischen Namen oder Zügen versah. Europa hatte seine häßlichen Amerikaner, die man verlachen und verachten konnte. Schon kurz nach der Rettung unserer europäischen Verbündeten 1918 und 1945 verwandelten sich die heldenhaften Doughboys und GIs für Rechte und Linke in Europa wie auch für ordentliche Beamte im Ruhestand oder kleine Witwen in Schwarz und weitere Kreise der Bevölkerung in negroide, drillichbekleidete, kaugummikauende Raubtiere, die Tugend und Gesundheit englischer, französischer und deutscher Jungfrauen bedrohten. Man denke nur an die vor gar nicht allzu langer Zeit in ganz Europa durchgeführten und vornehmlich von linken Intellektuellen angefeuerten Demonstrationen gegen die Vereinigten Staaten als Erfinder und Urheber des Kalten Kriegs und als Aggressor in Vietnam.
Ich möchte nicht mißverstanden werden: Ich will keineswegs behaupten, die Proteste gegen den Krieg in Vietnam, Kambodscha und Laos wären nicht gerechtfertigt gewesen. Ich habe selbst an einigen dieser Demonstrationen teilgenommen. Aber man kann sie auch als Teil der langen Tradition eines europäischen Antiamerikanismus begreifen. Was Stereotype und Verachtung angeht, haben die Amerikaner des zwanzigsten Jahrhunderts es den Europäern natürlich mit Vergnügen in gleicher Münze heimgezahlt, ungeachtet ihrer fortwährenden Liebe zu den guten Dingen, die Europa zu bieten hat: der europäischen Literatur; der englischen, französischen und deutschen Philosophie; der europäischen Kunst; französischer und italienischer Mode; und last but not least - da dies eine kurze und nicht ganz ernsthafte Aufzählung sein soll - zu französischem Wein wie auch zur französischen und italienischen Küche. Andererseits haben die Siege der beiden Weltkriege, die nach Ansicht der meisten Amerikaner durch amerikanische Waffen entschieden wurden, und der Aufstieg der Vereinigten Staaten zur unanfechtbaren und nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion einzigen Weltmacht den Glauben an die moralische und historische Ausnahmestellung der Vereinigten Staaten kolossal gestärkt.
In weiten Teilen der amerikanischen Öffentlichkeit gelten die Franzosen seit langem als undankbare, unzuverlässige Verbündete. Es hat wenig Sinn, die Amerikaner an Lafayette und Rochambeau zu erinnern, denn viel frischer ist die Erinnerung an Poincaré und Foch, die mit Lloyd Georges Unterstützung Wilsons Absichten auf der Versailler Friedenskonferenz durchkreuzten, oder an die Unfähigkeit der französischen Armee, den deutschen Angriff 1941 abzuwehren, oder an de Gaulles Ansprüche während des Zweiten Weltkriegs in London und auch später, als er Frankreich aus der Nato herauslöste. Die häßliche Beschimpfung der Franzosen als "käsefressende Verlierer-Affen", die den außerhalb der neokonservativen Koalition stehenden Amerikanern die Schamröte ins Gesicht treibt, hat ihren Ursprung in diesen Erfahrungen. Das Frankreich-Bild der Amerikaner hat sich nicht gerade verbessert durch die scheinbar automatische Opposition Frankreichs gegen jegliche amerikanische Initiative, denn dieses Verhalten gibt nur der Vorstellung Nahrung, wonach französische Politiker die amerikanische Mühle drehen müssen, um sich überhaupt lebendig zu fühlen. Angesichts der traurigen Geschichte französischer Niederlagen in Nordafrika, Nahost und Indochina mag es als ärgerlich empfunden werden, wenn ausgerechnet die Franzosen die Vereinigten Staaten lehren möchten, wie sie in diesen Teilen der Welt vorgehen sollen.
Die Litanei gegenseitiger Vorwürfe und Beleidigungen mag erklären, warum es mir so leicht fiel, in der auf beiden Seiten des Atlantiks aufgebauten Feindseligkeit nicht mehr als business as usual zu sehen. Meine Gelassenheit gegenüber dem Antiamerikanismus fand sich zudem durch das Gefühl bestärkt, daß solche Emotionen an diesem Punkt der amerikanischen Geschichte unvermeidlich sind und mit geduldiger Resignation ertragen werden müssen. Die Stellung, die Amerika auf dem Gipfel seiner militärischen und wirtschaftlichen Macht erreicht hat, ist beispiellos in der Geschichte, und zu den Kosten dieser Stellung gehört es, gehaßt, angegriffen und beschimpft zu werden. Dem steht die Anziehungskraft gegenüber, die sowohl die populäre als auch die gehobene Kultur Amerikas offenbar selbst in den arabischen Staaten ausüben. Wenn ich an das amerikanische Imperium des 21. Jahrhunderts denke, bin ich vor allem auf eine Qualität stolz: Es stützt sich auf Länder, die Verbündete, die Teil dieses Imperiums sein wollen. Der Sowjetblock bot vor seinem Zerfall ein modernes Beispiel für das andere, verachtungswürdige Modell eines Imperiums.
Doch obwohl nicht viel Zeit vergangen ist, haben sich meine Gedanken über das Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten und Europa verdüstert. Politische Führer mit "blinden Mündern", wie John Milton einmal geschrieben hat, und Intellektuelle unterschiedlichster Ausrichtung in Europa und den Vereinigten Staaten stellen die Konzepte und Arrangements in Frage, auf denen Friede und Wohlstand der westlichen Welt seit dem Zweiten Weltkrieg basierten, und damit auch die Hoffnung, das 21. Jahrhundert werde nicht die Schrecken erfahren, die das zwanzigste geprägt haben.
Die in den Vereinigten Staaten aufgekommene Forderung, allein und, falls nötig, unter Mißachtung des Weltsicherheitsrats vorzugehen, ist Ausdruck desselben Mangels an Respekt vor der internationalen Gemeinschaft, den die Bush-Administration mit ihrer Ablehnung des Kyoto-Abkommens oder des Internationalen Strafgerichtshofs bewiesen hat, um hier nur zwei Beispiele zu nennen, aber wegen der gewaltigen symbolischen Bedeutung der Vereinten Nationen wäre solch ein Alleingang weitaus gravierender. Die Drohung, die amerikanischen Truppen aus Südkorea abzuziehen, steht meines Erachtens in direktem Widerspruch zu dem fundamentalen Interesse Amerikas, einen Krieg in Nordostasien zu verhindern, der Japan wie auch die koreanische Halbinsel verwüsten und die Gefahr einer bewaffneten Auseinandersetzung zwischen den Vereinigten Staaten und China heraufbeschwören könnte.
Der Geruch des Blutes
An "blinden Mündern" fehlt es auch in Europa nicht, wie die Begeisterung zeigt, die der Gedanke, die Strukturen der Nato aufzulösen, in gewissen Teilen der französischen und deutschen Öffentlichkeit ausgelöst hat. Vielleicht hat der Geruch bald zu vergießenden Blutes diesen Winterirrsinn über uns gebracht. Ein Leser mag einwenden, ich flüchtete mich hier in ein poetisches Bild, obwohl der eigentliche Grund doch in der Entschlossenheit Bushs und seiner Berater liege, den Irak anzugreifen.
Der Leser könnte recht haben. Wir können die Zukunft nicht voraussagen. Möglicherweise gibt es keinen Krieg, und wenn doch, wird er vielleicht mit Unterstützung des Weltsicherheitsrats und der wichtigsten Verbündeten Amerikas einschließlich des "alten Europas" geführt. Ich bin der Überzeugung, daß Europäer und Amerikaner sich in dieser schwierigen Phase bemühen müssen, einander zuzuhören und zu verstehen. Vielleicht gelangen wir nicht zu einer gemeinsamen Auffassung, aber Mißachtung ist gefährlicher als Meinungsverschiedenheiten selbst in wichtigsten Fragen. Beleidigungen sind wie die Pflastersteine, die der Mob in Zeiten wie diesen, bevor die Amerikaner die meisten im Ausland unterhaltenen Bibliotheken schlossen, in die Fenster dieser Einrichtungen warf.
Wenn wir uns nicht gegen Boykottaufrufe und andere Formen ökonomischer Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit wenden, laufen wir Gefahr, Geister zu befreien, die ebenso böse sind wie die vom Terrorismus beschworenen. Und die Vereinigten Staaten - an der Spitze ihres Imperiums - lassen sich möglicherweise die wunderbare, einzigartige Chance entgehen, als Führer von Nationen aufzutreten, die sich freiwillig auf ihre Seite gestellt haben. Soweit die Protestmärsche in Europa sich gegen den Krieg richteten und nicht gegen die Amerikaner schlechthin, halte ich sie daher in aller Vorsicht für ein ermutigendes Zeichen.
Aus dem Amerikanischen von Michael Bischoff.
Louis Begley, 1933 im polnischen Stryj geboren, lebt in New York. Er wurde bekannt mit dem Buch "Lügen in Zeiten des Krieges". Auf deutsch veröffentlichte er zuletzt "Schmidts Bewährung".
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.02.2003, Nr. 43 / Seite 33
Bildmaterial: dpa
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