Porträt

Wei Hui - die Stimme des jungen Chinas

Von Holger Christmann

“Shanghai Baby“-Autorin Wei Hui

"Shanghai Baby"-Autorin Wei Hui

12. Oktober 2001 Das Buch, vor dem sich die chinesische Führung am meisten fürchtet, ist kein politisches Pamphlet einer Untergrundbewegung. Es sind auch nicht die brisanten Tiananmen-Geheimakten, die Anfang des Jahres auf den Markt kamen. Das Buch, vor dem das bevölkerungsreichste Land der Erde nach Ansicht der politischen Führung bewahrt werden muss, stammt aus der Feder der jungen Schriftstellerin Wei Hui. Politik spielt in „Shanghai Baby“ fast gar keine Rolle. Wo sie vorkommt, artikuliert sie sich sogar völlig systemkonform. Ein Chinese beschimpft nach dem versehentlichen Angriff auf die chinesische Botschaft in Belgrad die amerikanische Politik.

Was also ist so explosiv an Wei Huis Buch, dass das Regime es kurz nach Erscheinen im April 1999 auf den Index setzte und den Medien verbat, den Namen des Buches oder ihrer Autorin auch nur in den Mund zu nehmen? „Die Regierung hält es für dekadent“, sagt die Autorin. Die Hauptfigur von „Shanghai Baby“ ist eine hedonistische junge Schriftstellerin, die sich zwischen zwei Männern nicht entscheiden kann. Der eine, Tiantian, ist ihr Verlobter. Er versagt vor der körperlichen Liebe. Die findet die Ich-Erzählerin bei dem deutschen Geschäftsmann Mark. Über Wochen ist sie zwischen den beiden Männern hin- und hergerissen, von Gewissensbissen geplagt, und doch unfähig, sich zu entscheiden. Die Entscheidung fällt, als Mark nach Deutschland zurückberufen wird. Als ihr Verlobter von der Affäre erfährt, fängt er an, Drogen zu nehmen. Am Ende des Romans stirbt er.

Über weite Strecken schildert die Ich Erzählerin ihre Gefühle beim Sex mit dem potenten Liebhaber und die Reaktionen ihrer Sexualorgane auf die Gegenwart des Liebhabers. Frauen, so der Eindruck, denken nur an das Eine.

Wei Hui verhehlt nicht, dass ihr Buch autobiografische Züge hat. Damit erinnert es an die „Erinnerungen der Catherine M.“ der Französin Catherine Millet. Doch während die Französin nymphomanisch mit jedem Mann ins Bett will, der ihr nur in die Augen blickt und damit die Trennung von Sex und Gefühl als Errungenschaft feiert, ist das Explosive an Wei Huis Buch der hemmungslose Subjektivismus. Die Erzählerin drückt alles aus, was sie denkt und fühlt. Für ein Land mit strengem sozialen Kodex stellt das eine unerhörte Provokation dar.

Wei Hui legt Wert darauf, dass ihr Buch nicht überall in China hätte erscheinen können. Die Atmosphäre Shanghais sei die unerlässliche Inspirationsquelle gewesen.

Shanghai war schon immer die westlichste Stadt im Reich der Mitte. Nirgendwo lebten, durch den Seehandel bedingt, so viele Ausländer wie hier. Auch genusssüchtig sei die Stadt schon immer gewesen. „Peking ist ein Mann, Shanghai eine raffinierte, verführerische Frau“, sagt Wei Hui. „Mein Großvater hat mir erzählt, dass in Shanghai selbst beim Ausbruch der Kulturrevolution die Partys weitergingen.“ Heute erlebt Shanghai durch den Rückfall Hongkongs an China wieder einen Boom. Viele westliche Konzerne haben ihre Filialen von Hongkong nach Shanghai verlegt. Viele Chinesen in Shanghai sind in den letzten Jahren sehr schnell reich geworden. Ihre Kinder tragen dieselben Markenklamotten wie die Jugendlichen im Westen („Shanghai Baby“ ist voll von Markennamen).

Gleichzeitig sei die Jugend in Shanghai in einer spirituellen Krise. „Die jungen Leute glauben an nichts mehr außer an Geld und Sex. Von Politik wollen sie nichts wissen. Und gesellschaftliche Probleme sind ihnen egal. Sie interessieren sich nur für ihren eigenen Vorteil, für Sex und Drogen.“ Was Wei Hui Sorgen macht, ist die Ellbogenmentalität, die um sich greift. „Viele sagen: Wenn Du nicht betrügst, bleibst du auf der Strecke. Das finde ich schlimm.“ Jahrelang war die attraktive Schriftstellerin Teil dieser vergnügungssüchtigen Jeunesse Dorée. Erst durch ihr Buch ging sie zu diesem Leben auf Distanz.

"Shanghai Baby" ist in China nur in Raubkopien erhältlich. Auf diesem Verbreitungsweg hat es sich fünf Million mal verkauft. Dass ihr Name in ihrem Heimatland nicht völlig in Vergessenheit gerät, dafür sorgen ihre Millionen Anhänger auch übers Internet. Das hat die Regierung nicht völlig unter Kontrolle. Die Autorin bekommt jeden Tag unzählige Briefe von jungen Lesern, die sagen, dass sie sich „durch mein Buch inspiriert und ermutigt fühlen“.

Wie sie die Zukunft Chinas sieht? „Ich weiß nicht. Es kann viel passieren“, sagt sie und erinnert an das Massaker vom Tiananmen-Platz. Gleichzeitig hofft sie, dass Ereignisse wie die Olympischen Spiele 2008 zur Öffnung des Landes beitragen werden. „In jedem Fall ist mein Land derzeit das spannendste auf der Welt. Und es ist faszinierend zu beobachten, wie es sich entwickelt.“

Dieses spannende Land mit seinen Hoffnungen und Menschenrechtsproblemen erlebt einen dramatischen Generationenwechsel. Wei Hui hat dieser Generation mit "Shanghai Baby" eine Stimme verliehen.

Wei Hui: Shanghai Baby. 319 S. Ullstein Verlag 2001, DM 35,20, EUR 18



Buchtitel: Shanghai Baby
Buchautor: Wei Hui

Text: @hc
Bildmaterial: Econ-Verlag, Ullstein Verlag

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