Schaubühne

Von der Wirklichkeit zur Legende und zurück

Großer Eröffnungserfolg: Sasha Waltz und das Schaubühnen-Ensemble bei Proben zu “Körper“

Großer Eröffnungserfolg: Sasha Waltz und das Schaubühnen-Ensemble bei Proben zu "Körper"

17. September 2002 Von ihrem legendären Ruf zehrt die Berliner Schaubühne noch immer. Ein Abend in dem Erich-Mendelsohn-Bau am oberen Kurfürstendamm ist auch 40 Jahre nach Gründung der Bühne für Theaterfans etwas Besonders - im Hinterkopf die ehrfurchtsvolle Erinnerung an die großen Schaubühnen-Zeiten der 70er Jahre.

Damals schrieb Peter Stein mit Schauspielern wie Bruno Ganz, Angela Winkler, Jutta Lampe, Otto Sander und Edith Clever Theatergeschichte. Heute kann man im Foyer treue Besucher belauschen, die sich über die „guten alten Zeiten“ unterhalten. Die Stammgäste erinnern sich glücklich, ziehen Vergleiche zur heutigen Schaubühnen-Kunst und lassen dabei nicht selten ein sehnsuchtsvolles Seufzen vernehmen.

Selbstverpflichtung zu politischem Theater

Dabei sind die Ziele der Schaubühne eigentlich bis heute die selben geblieben: 1962 wurde das Theater unter dem Namen „Schaubühne am Halleschen Ufer“ als privates Schauspielhaus mit einem politisch und sozial engagierten Spielplan gegründet. Im Jahr 2000 traten die heutigen künstlerischen Leiter des Theaters, Regisseur Thomas Ostermeier und Choreografin Sasha Waltz, mit einem Manifest an, in dem sie sich zu zeitgenössischem, politischem Theater verpflichteten. Über die künstlerische Umsetzung dieses Anspruchs wird - nicht anders als damals - heftig gestritten.

Der tristen Stadttheater-Wirklichkeit setzten Peter Stein und seine Mitstreiter Anfang der 70er eine neue Form der gemeinsamen Theaterarbeit entgegen: Vor dem Hintergrund der 68er-Bewegung wurde ein Mitspracherecht für alle Mitarbeiter bei Stückauswahl und Spielplanpolitik beschlossen. Die vorsichtige Annäherung und die psychologisch genaue Interpretation von Texten und Epochen entwickelte sich zum typischen Schaubühnen-Stil.

Schaubühne im alten Universum

Zu Kult-Aufführungen in der Ära Stein wurden seine Inszenierungen von Ibsens „Peer Gynt“ (1971), Kleists „Prinz Friedrich von Homburg“ (1972), Gorkis „Sommergäste“ (1974) und Tschechows „Drei Schwestern“ (1984). Daneben setzten sich die Schaubühnen-Macher in einem Antiken-Projekt mit der griechischen Tragödie von Euripides' „Backchen“ bis zur „Orestie“ von Aischylos auseinander. Aber auch Stücke zeitgenössischer Autoren wie Botho Strauß und Peter Handke gehörten zum Spielplan. Neben Stein wurde Klaus Michael Grüber zum wichtigsten Regisseur, einer seiner Coups war das 1977 im Olympiastadion aufgeführte „Winterreise“-Projekt nach Hölderlin.

1981 zog die Schaubühne in den Mendelsohn-Bau um, das ehemals größte Berliner Kino „Universum“. Das Haus mit seinen insgesamt drei Spielstätten gehört zu den bestausgestatteten Theatern Deutschlands. Nach Steins Ausscheiden 1985 führten die Regisseure Luc Bondy (bis 1988) und Jürgen Gosch (1988/89) die Bühne weiter. Noch bis in die 90er Jahre prägte auch Steins Weggefährte Robert Wilson das Theater. Ein Streit um Film- und Fernsehengagements der Schaubühnen- Darsteller endete 1997 mit dem Rücktritt der Künstlerischen Leiterin Andrea Breth. Das Ensemble mit Schauspielern wie Peter Simonischek, Udo Samel und Corinna Kirchhoff wurde aufgelöst. Der Mythos Schaubühne existiere schon lange nicht mehr, so Breth damals.

Im Januar 2000 von vorne angefangen

Im Januar 2000 zog dann mit dem von der „Baracke“ des Deutschen Theaters Berlin kommenden Thomas Ostermeier und seiner Crew eine neue Generation in die Schaubühne ein. Der Auftakt war fulminant: Waltz riss das Publikum mit ihrem Tanzstück „Körper“ zu Beifallsstürmen hin. „Wir müssen von vorne anfangen“, sagte die neue Schaubühnen-Mannschaft, deren Durchschnittsalter bei etwa 30 Jahren lag. Den Theatermachern in Deutschland sei der Auftrag verloren gegangen.“ Das Theater befinde sich zurzeit in einer von der letzten Eckkneipe bis zum Bundeskanzleramt völlig entpolitisierten Gesellschaft.

Während sich Waltz seither der Erforschung des Körpers und seiner Manipulierbarkeit widmet, bringt Ostermeier vor allem sozialkritische Stücke auf die Bühne, darunter Werke von Sarah Kane, Lars Noren, Marius von Mayenburg und Jon Fosse. Junge Regisseure wie Falk Richter, Tom Kühnel und Robert Schuster ergänzen den Spielplan. Nicht immer glücken die Aufführungen. Zuletzt zeigte Ostermeier mit „Goldene Zeiten“ von Richard Dresser nur noch schrill illustriertes soziales Elend am Rande des Zynismus.

An ihrem Manifest wollen sich die Schaubühnen-Macher heute nicht mehr messen lassen. „Es ist eine Bürde“, so Ostermeier. Der Kultcharakter seiner Regiearbeiten ist mittlerweile stark verblasst. Auch intern knirschte es. Der Streit um die Geldverteilung zwischen Tanz und Schauspiel sei inzwischen jedoch beigelegt, versichert der Regisseur. Deshalb blickt Ostermeier optimistisch in die Zukunft: „Am besten führen wir die Tradition fort, indem wir unseren eigenen Weg suchen - mit aller Ehrfurcht, die wir vor den Arbeiten der früheren Schaubühnen-Regisseure haben.“

Text: dpa
Bildmaterial: dpa

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