25. November 2003 Der Tübinger Literaturwissenschaftler Walter Jens hat im Zusammenhang mit seiner jetzt entdeckten NSDAP-Mitgliedschaft ein reines Gewissen.
Er habe nichts zu verbergen und es habe für ihn auch nie einen Grund zum Vertuschen gegeben, aber ich muß ja von der eigenen Vergangenheit erst einmal etwas wissen, bevor man sich outen kann, sagte Jens am Dienstag. Ein Antrag auf Parteimitgliedschaft liege nicht vor und eine Mitgliedskarte sei ihm nie ausgehändigt worden. Das muß ein reiner Karteivorgang eines HJ-Jahrgangs gewesen sein.
Der 80jährige Ehrenpräsident der Berliner Akademie der Künste reagierte damit auf die Darstellung des im Dezember erscheinenden, von Christoph König herausgegebenen Internationalen Germanistenlexikons 1800-1950 (Verlag de Gruyter, Berlin). Danach ist Jens am 1. September 1942 in die NSDAP aufgenommen worden. Dies gilt den Akten zufolge unter anderem auch für die Germanisten Peter Wapnewski und Walter Höllerer.
Kein Widerstandskämpfer
Ich war kein Widerstandskämpfer, ich war in der Hitler-Jugend, ich war 19, sagte Jens jetzt dazu. Wenn er damals als Jugendlicher einen Fehler gemacht haben sollte, dann habe er ihn weiß Gott wieder gut gemacht. Er denke nicht daran, sich nach über 60 Jahren einem Spruchkammer-Verfahren zu stellen. Er werde jedoch alles tun, um zu beweisen, daß es seinerzeit die Überführung von ganzen Jahrgängen der Hitler-Jugend und anderer Organisationen oder Teilen von ihnen gegeben habe, wofür es eine Reihe von Zeugen gebe. Davon haben höchsten die Eliten der HJ etwas erfahren.
Irgendeinen Grund zu Vertuschen habe er nicht, betonte Jens. Das war nach bestem Wissen und Gewissen bis zum Erweis des Gegenteils ein reiner Karteivorgang. Ich hatte und habe ein reines Gewissen. Aber niemand kann Irrtümer ausschließen, daß zum Beispiel auf einer großen Versammlung damals ein 'Generalwisch' unterschrieben wurde. Er habe auch nie einen Mitgliedsbeitrag gezahlt. Ich war wohl, wie Wapnewski sagt, ein unwissender Parteigenosse. Auch damit muß man sich selbst konfrontieren, wenn man es im Nachhinein erfährt. Natürlich denkt man jetzt über seine eigene Vergangenheit viel nach, ohne daß ich irgendetwas zu korrigieren hätte.
Text: dpa
Bildmaterial: dpa
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