Literatur

Nobelpreis 2003 für J. M. Coetzee

02. Oktober 2003 Der diesjährige Literatur-Nobelpreis geht an den Südafrikaner J. M. Coetzee. Dies gab am Donnerstag mittag die Königliche Schwedische Akademie bekannt. Coetzee stelle „in zahlreichen Verkleidungen die überrumpelnde Teilhabe des Außenseitertums dar“.

Coetzees Romane, heißt es in der Begründung, „zeichnen sich durch verschlagene Komposition, verdichteten Dialog und analytische Brillanz aus. Aber er ist gleichzeitig ein gewissenhafter Zweifler, schonungslos in seiner Kritik der grausamen Vernunft und der kosmetischen Moral der westlichen Zivilisation. Seine intellektuelle Ehrlichkeit zersetzt alle Grundlagen des Trostes und distanziert sich vom billigen Theater der Reue und des Bekenntnisses. Auch wenn seine eigene Überzeugung durchscheint wie in der Verteidigung der Rechte der Tiere, so erhellt er eher die Voraussetzungen dieser Überzeugung, als daß er für sie argumentiert.“

Eine afrikanische Kindheit

Zu Coetzees bekanntesten Werken zählen die Romane „Schande“, „Der Junge. Eine afrikanische Kindheit“ und „Die jungen Jahre“. 1974 hatte er seinen ersten Erzählband „Dusklands“ veröffentlicht. Sein internationaler Durchbruch kam 1980 mit „Warten auf die Barbaren“. Insgesamt hat Coetzee acht Romane veröffentlicht. Der 63 Jahre alte Coetzee ist nach Nadine Gordimer der zweite weiße Autor aus Südafrika, der nun mit der wichtigsten Würdigung der literarischen Welt ausgezeichnet wird.

Coetzee wurde am 9. Februar 1940 als Sohn eines Rechtsanwalts und einer Lehrerin in Kapstadt geboren. Er stammt aus einer alten, im 18. Jahrhundert eingewanderten burischen Farmerfamilie, aber bereits sein Vater war englisch erzogen worden. 1962 verließ er Afrika, ging zunächst nach England und zog 1965 in die Vereinigten Staaten. 1972 kehrte er in seine Heimat zurück. Im vergangenen Jahr ist Coetzee nach Australien ausgewandert.

Öffentlichkeitsscheu

Coetzee scheut die Öffentlichkeit. Ihm wird nachgesagt, er sei wie seine Werke: schwierig, gar rätselhaft. Interviews gibt er nicht. Von sich selbst redet er in der dritten Person. Auch die Studenten der Universität Kapstadt, an der Coetzee bis zu seiner Emeritierung im Januar 2002 Literatur lehrte, bekamen ihn selten zu Gesicht. Und sogar seine Vornamen - das J. M. steht für John und Maxwell - nutzt er nicht selbst.

Als Coetzee 1999 mit seinem Roman „Schande“ den Booker-Preis gewann, war der südafrikanische Autor der erste Schriftsteller, der die begehrteste literarische Auszeichnung des Commonwealth zum zweiten Mal (nach „Life and Times of Michael K.“ 1983) erhielt. Bei beiden Preisverleihungen ließ Coetzee sich entschuldigen.

In Deutschland sind Coetzees Werke beim Hanser Verlag (München) und im S. Fischer Verlag (Frankfurt am Main) erschienen. Die südafrikanische Literatur-Nobelpreisträgerin Nadine Gordimer zeigte sich begeistert über die Zuerkennung des Preises an ihren Landsmann. „Er ist ein guter Freund und ein großer Schriftsteller“, sagte Gordimer. „Ich denke, es ist großartig, ich war die erste (1991) und er ist nun der zweite - es ist auch bedeutsam für Südafrika.“

Reich-Ranicki: „Vernünftig“

Nach Ansicht von Coetzees deutscher Lektorin Ursula Köhler (S. Fischer Verlag) wird der Nobelpreis nun die Aufmerksamkeit auf den Autor lenken, die er seit Jahren verdient. „Coetzee mußte einfach diesen Preis bekommen“, sagte Köhler am Donnerstag in Frankfurt. Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki nannte die Zuerkennung an Coetzee eine „vernünftige Entscheidung“. Der Südafrikaner sei ein „beachtlicher Autor“ und auch einmal in der ZDF-Büchersendung „Literarisches Quartett“ positiv besprochen worden. „Ich bedauere jedoch, daß die führenden Autoren Nordamerikas wie Philip Roth und John Updike erneut leer ausgegangen sind.“

Die Nobelpreise sind mit umgerechnet jeweils 1,1 Millionen Euro dotiert. Sie werden immer am 10. Dezember überreicht, dem Todestag des Preisstifters Alfred Nobel (1833-1896). Im vergangenen Jahr hatte der ungarische Autor Imre Kertész die höchste literarische Auszeichnung erhalten. Letzter deutscher Preisträger war 1999 Günter Grass.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP

 

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