Literatur

Martin Walser: „Die deutsche Literaturkritik ist inhuman geworden“

02. Juni 2002 Im Streit um seinen noch unveröffentlichten Roman „Tod eines Kritikers“ hat der Schriftsteller Martin Walser der Literaturkritik unmenschliche Züge und Machtstreben vorgeworfen. „Die deutsche Literaturkritik ist inhuman geworden“, sagte Walser am Sonntag in Waldshut-Tiengen (Baden-Württemberg), wo ihm der alemannische Literaturpreis 2002 verliehen wurde.

Auf die Forderung des Kritikers Marcel Reich-Ranicki, Walsers Roman dürfe nicht gedruckt werden, reagierte er gelassen. „Dieser Mann ist so an die Machtausübung gewöhnt, dass er diese Gelegenheit nicht unterlassen kann“, sagte Walser über Reich-Ranickis Forderung. „Wenn der Suhrkamp-Verlag meinen Roman nicht druckt, dann wird es eben ein anderer Verlag tun.“ Er räumte ein, dass Reich-Ranicki das Vorbild für seine Romanfigur des jüdischen Star-Kritikers André Ehrl-König sei. Dieser fällt vermeintlich einem Mord zum Opfer. Täter ist ein vom Kritiker verrissener Schriftsteller.

Walser: Mein Roman - ein Versuch, die Kritik Reich-Ranickis zu verarbeiten

„Mein neuer Roman handelt von der Machtausübung im Literaturbetrieb zur Zeit des Fernsehens“, sagte Walser. Sie suche sich willkürlich ihre Opfer. Schriftsteller könnten sich gegen ungerechtfertigte Kritik kaum wehren. „Als die Kritiker noch schreiben mussten, was sie denken, war die Literaturkritik noch humaner.“ Das Fernsehen habe Kritiker härter und ungerechter gemacht.

Sein Roman sei der Versuch, die jahrelange Kritik Reich-Ranickis an ihm zu verarbeiten, sagte Walser. „Ich habe die Widrigkeiten, die ich erlebe, so umgeschrieben, dass ich sie wieder ertragen kann.“ Dabei habe er das Stilmittel der Komödie verwendet. Ein „Dokument des Hasses“ sei sein Buch nicht. „Ich kann aus Hass nicht schreiben. Wenn ich Hass verspüren würde, dann würde ich Fußball spielen.“ Der Mitherausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Frank Schirrmacher, hatte Walsers Roman in der vergangenen Woche als „Dokument des Hasses“ bezeichnet und den Abdruck des Walser-Romans abgelehnt.

Walser: Der Kritiker als Jude ist ein winziges, vernachlässigenswertes Detail

„Ich kann den Hass, der mir derzeit entgegenschlägt, absolut nicht nachvollziehen“, sagte Walser. Er sei entsetzt, welche Reaktionen sein neuer Roman bereits vor der Veröffentlichung hervorgerufen habe. „Diese Reaktion ist so, als hätte die Republik darauf gewartet.“ Die Macht der Literaturkritik gehe jedoch nicht von den Lesern, sondern von den Medien aus.

Die Tatsache, dass der im Roman vermeintlich getötete Kritiker ein Jude ist, sei nur ein „winziges, vernachlässigenswertes Detail“. „Wenn jemand hätte umgebracht werden sollen, dann ein Kritiker und nicht ein Jude.“ Er habe versucht, dieses Detail so klein wie möglich zu halten. „Dieser Roman hat 100 Töne. Ein Ton davon ist die jüdische Herkunft des Kritikers“, sagte Walser. Der Vorwurf des Antisemitismus sei daher „absurd und völlig unverständlich“.

Mit dem alemannischen Literaturpreis, der mit 10.000 Euro dotiert ist, wurden vor allem Walsers heimatkundliche Werke gewürdigt. Anlass war sein Geburtstag. Der Autor, der in Nussdorf bei Überlingen lebt, war im März 75 Jahre alt geworden.

Text: dpa

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