Von Heinrich Wefing
17. August 2005 Gäbe es eine Liste der begehrenswertesten Arbeitsplätze, rangierte der Job von Barry Munitz fraglos ziemlich weit vorn. Sein gut gekühltes Büro liegt auf einem Hügel oberhalb von Santa Monica, unter der Sonne Kaliforniens, mit weitem Blick über das Häusergestrüpp von Los Angeles. Reichlich eine Million Dollar verdient der Vierundsechzigjährige pro anno; in der Tiefgarage unter dem weitläufigen Haus, das er regiert, steht sein Dienstwagen, ein blitzneuer Porsche Cayenne. Das vielleicht Schönste an Munitz' Tätigkeit aber ist der Umstand, daß sein Unternehmen nicht auf die Erzielung von Gewinn ausgerichtet ist. Es beschäftigt sich vielmehr damit, Geld auszugeben. Viel Geld.
Mit rund fünf Milliarden Dollar Stammkapital ist der Getty Trust, dem Munitz seit fast acht Jahren als Präsident vorsteht, eine der reichsten Stiftungen der Welt. Wie reich, das ahnt man, wenn man durch die Büros schlendert und selbst noch über einem selten benutzten Kopierer ein Original von David Hockney entdeckt. Lässiger läßt sich Wohlstand kaum demonstrieren. Das Jahresbudget von Getty liegt bei zweihundertfünfzig Millionen Dollar; der Haushalt der Stiftung Weimarer Klassik, immerhin Nachlaßverwalterin von Goethe und Schiller, beläuft sich, nur zum Vergleich, auf gut zwanzig Millionen Euro.
Restaurierung, Stipendien und Museen
Nach vertrackten Streitereien 1982 aus dem Erbe des Öltycoons J. Paul Getty hervorgegangen, verwaltet der Trust das Vermögen und die Antikensammlung des 1976 verstorbenen Milliardärs, saniert seit Jahren dessen römisch inspirierte Villa in Malibu, fördert weltweit die Restaurierung von Kunstwerken, in Schwerin ebenso wie in Mexiko-City, vergibt großzügig Stipendien an Kunsthistoriker und Künstler, finanziert ein Research Institute, das sich vor allem geisteswissenschaftlichen Forschungen widmet, und betreibt als öffentlichsten Teil seiner Aktivitäten ein Museum, das jedes Jahr weit über eine Million Besucher zählt.
Es residiert gemeinsam mit dem Forschungsinstitut und dem Grant Program im Getty Center oberhalb des ewig verstopften San Diego Freeway. Als der eine Milliarde Dollar teure Neubau 1997 eröffnet wurde, den der New Yorker Architekt Richard Meier als Akropolis aus weißstrahlenden Aluminiumpaneelen und Travertin errichtet hat, verschob sich die kulturelle Topographie Amerikas mit einem Paukenschlag ein gutes Stück nach Westen.
Handel mit Raubgut
Und dennoch können wir uns Barry Munitz dieser Tage nicht als glücklichen Menschen vorstellen. Seit einem Jahr hat die Institution, der er vorsteht, eine Reihe von Rückschlägen erlitten, die keinen Manager unberührt lassen können. Vor zwei Wochen erhoben die italienischen Behörden Anklage gegen eine Mitarbeiterin der Stiftung, die Kuratorin Marion True, die Leiterin der Sammlung römischer, griechischer und etruskischer Altertümer. Ihr wird vorgeworfen, vor zehn Jahren rund vierzig antike Kunstwerke im Wert von etwa zwanzig Millionen Dollar angekauft zu haben, obwohl diese offensichtlich aus Raubgrabungen im Großraum Neapel stammten. Mitte November soll in Rom der Prozeß beginnen (F.A.Z. vom 29. Juli). Neben einer Verurteilung der Kuratorin wegen Handels mit Raubgut drohen erhebliche Regreßforderungen gegen Getty. Allemal ein PR-Debakel für den Trust, der seine Geschäfte gemeinhin energisch, aber in aller Stille abzuwickeln pflegt.
Derweil laufen in L.A. seit längerer Zeit Ermittlungen wegen eines Immobilienhandels, den die Stiftung vor drei Jahren mit dem Milliardär und Kunstsammler Eli Broad getätigt hat. Nach Recherchen amerikanischer Zeitungen besteht der Verdacht, Getty habe Broad, der ein enger Freund von Munitz ist, ein Grundstück in den Hügeln von Brentwood siebenhunderttausend Dollar unter dem Marktwert verkauft. Ein Vorwurf, den die Stiftung energisch bestreitet. Ebenso wie die Spekulationen, die unlängst die Los Angeles Times in einem langen Artikel ausbreitete, Munitz führe auf Kosten der Stiftung ein extravagantes Leben. Von luxuriösen Kreuzfahrten war da die Rede, von Übernachtungen in Fünf-Sterne-Hotels, üppigen Geschenken an Freunde des Präsidenten und eben von Munitz' Porsche.
Trübe Stimmung
Genüßlich hieß es in dem Artikel zudem, der Getty-Chef pflege seine Ehefrau Anne T. Munitz nur ATM zu rufen - im Amerikanischen die Abkürzung für Geldautomat. Obwohl die Aufsichtsgremien betonen, alle Ausgaben des Stiftungspräsidenten seien gerechtfertigt gewesen, hat der Justizminister von Kalifornien, Bill Lockyer, ein ehrgeiziger Politiker der Demokratischen Partei, eine Untersuchung des Finanzgebarens der Stiftung eingeleitet. Überprüft werden soll vor allem, ob der Getty Trust gegen Auflagen verstoßen hat, die seine Gemeinnützigkeit und damit seine Steuervorteile rechtfertigen.
Die verschärfte öffentliche Aufmerksamkeit trifft das Haus auf dem Hügel zu einer Zeit, da auch im Innern durchaus nicht alles zum Besten bestellt ist. Trotz der prallen Budgets hat es in den letzten Monaten Sparmaßnahmen gegeben, die Stimmung in der Stiftung, heißt es immer wieder, sei trübe, wichtige Kuratoren und Öffentlichkeitsarbeiter haben gekündigt. Einen rechten Knall gab es im vergangenen Oktober, als eine der prominentesten Mitarbeiterinnen, die Leiterin des Getty Museums, Deborah Gribbon, ihren Posten verließ (F.A.Z. vom 23. Oktober 2004) und laut verkündete, sie gehe im Zorn: im Zorn über Munitz. Gegenüber den Medien erklärte sie, tiefgreifende philosophische Differenzen mit dem Präsidenten hätten sie zu dem abrupten Abschied bewegt - ein durchsichtiger Euphemismus für ein völlig zerrüttetes Verhältnis.
Unehrgeizig und kleinformatig?
Zu Gribbons Nachfolger haben die Gremien des Getty Trust jetzt nach sechsmonatiger Suche den australischen Kunsthistoriker Michael Brand berufen, der zuletzt das Virginia Museum of Fine Arts in Richmond leitete. Der Siebenundvierzigjährige gilt als Kenner indischer Kunst und hat in Virginia eine erfolgreiche Fundraising-Kampagne betrieben, um einen dort geplanten Neubau zu finanzieren. Angesichts der Ambitionen und Möglichkeiten des Getty allerdings wirkt seine Ernennung eher unehrgeizig, geradezu kleinformatig. International ist er bislang kaum in Erscheinung getreten, und auch sein bisheriges Haus in Richmond zählt nicht gerade zu den ersten Adressen im amerikanischen Kunstbetrieb. Vielleicht aber ist das kein Zufall. Es paßt jedenfalls zu den Spekulationen, die sich um Deborah Gribbons Abgang ranken.
Außer Zweifel steht wohl, daß mit Gribbon und Munitz zwei reichlich selbstbewußte Personen aufeinandergetroffen sind. Die ausgeschiedene Museumsdirektorin ist eine elegante, weltgewandte Kunsthistorikerin, die zwanzig Jahre bei Getty tätig war, vier davon als Leiterin. Unter ihrer Führung hat das Museum mehr als fünfhundert Werke erworben, darunter Gemälde von Tizian, Degas und Monet. Auch Munitz aber ist ein machtbewußter Mann. Er pflegt glänzende Kontakte zu Politikern, Wirtschaftsleuten und Hollywood-Größen, was seinen vergoldeten Lebensstil, wie ein Kritiker lästerte, zum Teil erklären mag. Zudem verfügt er als ehemaliger Präsident der staatlichen kalifornischen Hochschulen über eminente Erfahrung in der Steuerung komplexer Organisationen. Gleichwohl wäre es zu einfach, den Streit bei Getty schlicht als Kollision zweier übersteigerter Egos erklären zu wollen. Einiges spricht vielmehr dafür, daß sich in dem Zwist eine prinzipielle Auseinandersetzung über die Zukunft der Stiftung personalisiert hat.
Dynamische Wertschätzung
Der Getty Trust ist, vorsichtig gesagt, eine junge, sehr dynamische Einrichtung. Mit viel Geld und einer bisweilen geradezu aggressiven Erwerbungsstrategie haben die Verantwortlichen die mediokre Antiquitätensammlung des J. Paul Getty innerhalb kurzer Zeit in eine Kollektion mit teils exquisiten Beständen im Bereich der Fotografie, der Malerei des neunzehnten Jahrhunderts, der mittelalterlichen Buchmalerei und der römischen Altertümer verwandelt. Erst vor ein paar Wochen gelang es den Kuratoren, die Skulpturensammlung des Filmproduzenten Ray Stark zu ergattern, sechzig Werke von Calder, Giacometti, Ellsworth Kelly, Roy Lichtenstein und Henry Moore; außerdem erwarb das Getty jüngst das Archiv des Architekturfotografen Julius Shulman. Lange galt denn auch das Museum als natürliches Zentrum der Stiftung, um das alle anderen Abteilungen kreisen sollten wie Satelliten.
Von Munitz kräftig gefördert, entfalteten das Conservation Institute, die Getty Foundation und das Research Institute jedoch zusehends eigene Aktivitäten und sind mittlerweile teils präsenter als das Museum. Allein die Liste der deutschen Institutionen, die mit den Restaurierungsfachleuten des Getty Conservation Institute kooperieren oder Projekte mit Geld der Getty Foundation verfolgen, liest sich eindrucksvoll. Die Museumleute von Getty haben diese Entwicklung nicht immer mit Vergnügen gesehen, um so weniger, als ihnen jenseits der Akquise zuletzt das Glück wenig hold war. Wirklich bedeutende Ausstellungen hat das Getty in den vergangenen Jahren kaum konzipiert, häufig wurden stattdessen Wanderschauen übernommen. Trotz aller Zukäufe hat die eigene Sammlung zudem immer noch einen höchst heterogenen Charakter, Spitzenwerke stehen neben Durchschnittlichem, ganze Epochen sind kaum vertreten.
Nicht der einzige Teil der Stiftung
So werden etwa die Calders und Moores, die dem Getty gerade geschenkt wurden, ein wenig verloren auf dem Hügel herumstehen, ohne rechte Entsprechung in den Sammlungen. Klassisch Modernes, Zeitgenössisches gar, hängt nur spärlich im Getty. Deborah Gribbon verfolgte offenkundig die Strategie, diese Defizite durch weitere Ankäufe auszugleichen; ein Plan, der in Frage gestellt wurde, als der Getty Trust die Mittel des Museums kürzte und die Position der anderen Einheiten stärkte. Mutmaßlich war das der entscheidende Schritt, der schließlich zu Frau Gribbons Abgang führte. Sie sei überzeugt, daß Museen der Öffentlichkeit am besten dienten, wenn sie erklassige Werke sammelten, ausstellten und erklärten, schrieb sie in ihrer Rücktrittserklärung.
Woraufhin Barry Munitz nur kühl erwiderte, das Museum sei ein wichtiger, aber eben nicht der einzige Teil des Getty Trust. Gut möglich, daß die gegenwärtige Krise die Verwandlung des Getty vom Museum hin zu einer Kultureinrichtung neuen Typs markiert. Deborah Gribbon war das erste Opfer dieser Transformation. Aber es könnte durchaus sein, daß auch Barry Munitz von den Veränderungen, die er in Gang gesetzt hat, fortgerissen werden wird.
Text: F.A.Z., 17.08.2005, Nr. 190 / Seite 33
Bildmaterial: picture-alliance / dpa
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