21. Januar 2003 Auch diesmal werden wieder einige der aufgerufenen Bürgerinnen und Bürger das Wort Unwort selbst als sprachliche Verfehlung des Jahres vorgeschlagen haben. So sehr dieser Kandidat der sprachkritischen Wachsamkeit der Unwort-Jury auch entspräche, die seit 1991 alljährlich ihre Wahl bekannt gibt: zu selbstreferentiell - und mittlerweile auch zu zeitlos - wird dieser Vorschlag sein, um es auf die vorderen Plätze zu schaffen.
Zum Unwort des Jahres 2002 hat die unabhängige Jury um den Frankfurter Sprachwissenschaftler Horst Dieter Schlosser die Ich-AG bestimmt. Damit rügt die Jury aus Sprachexperten und -praktikern die lächerliche Unlogik der Wortbildung, wie Jury-Sprecher Schlosser in Frankfurt mitteilte. Er wertete die Bezeichnung als Beleg für zunehmende Versuche, schwierige soziale und sozialpolitische Sachverhalte mit sprachlicher Kosmetik schönzureden. Menschliche Schicksale würden so auf ein sprachliches Börsenniveau herabgestuft. Auf Platz zwei kam Ausreisezentrum als Sammellager für abzuschiebende Asylbewerber und auf Platz drei Zellhaufen als Bezeichnung für einen menschlichen Embryo.
Gescheiterte Sprachkosmetik
Mit dem Wort Ich-AG hatte die Hartz-Kommission eine neue Form der Selbstständigkeit mit Sozialversicherungsschutz bezeichnet. Fraglos entwirft das Wort ein schiefes Bild: Die Arbeitsform der Selbstständigkeit lässt sich nicht mit der Betriebsform einer Aktiengesellschaft vergleichen. Und nur ein verschwindend kleiner Teil der Bezeichnungen aus der Sprachwelt der Börse lässt sich sinnvoll übertragen. Was man den Wortschöpfern allerdings eher vorwerfen muss als versuchte Sprachkosmetik, ist das Scheitern dieses Versuchs.
Die Sprachkritiker-Jury argumentiert ungenau: Nicht um die Beschreibung menschlicher Schicksale, sondern um die Benennung eines künftigen Angebots der Arbeitsämter ist es bei der Wortschöpfung gegangen. Die Marke sollte unternehmerische Tugenden wie Engagement und marktorientiertes Handeln nahelegen und den Eindruck vermitteln, dass die behördliche Unterstützung beim Schritt in die Selbstständigkeit auch ohne bürokratische Hürden zu haben sei. Keine schlechte Idee. Wer allerdings in den vergangenen Jahren in die Börse investiert hat, wird auch ohne Wörter wie Ich -AG einen unmittelbaren und schmerzhaften Bezug zwischen menschlichen Schicksalen und dem Aktienmarkt bemerkt haben.
Geschützte Marke
Dass mit Ich-AG ein Euphemismus geprägt worden ist, steht ebenso außer Frage wie der rhetorische Wert aller Euphemismen. Ihr Einsatz taugt für keinen grundsätzlichen Vorwurf. Vor zwei, drei Jahren hätte die Wortschöpfung ihren Sinn auch voll erfüllt. In Zeiten wie diesen und bei einem Dax unter 3.000 Zählern allerdings ist die Strahlkraft des Wortes Ich-AG deutlich verblasst.
Erstmals hat die Sprachkritiker-Jury zudem - wohl unwissentlich - eine geschützte Marke zum Unwort ernannt. Wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung in ihrer Mittwochs-Ausgabe berichtet, hat sich die Frankfurter PR-Beraterin Nicolette Strauss die Marke Die Ich AG bereits im Sommer 2001 beim Deutschen Patent- und Markenamt eintragen lassen. Auch Titelschutz habe Strauss beantragt. Im August soll ihr Buch Die Ich AG im Campus-Verlag erscheinen.
Gesuchtes Missverhältnis
Das Unwort wurde aus 1.744 Einsendungen mit 806 verschiedenen Vorschlägen ausgewählt. Am häufigsten war darunter die vom amerikanischen Präsidenten George Bush beschriebene Achse des Bösen, am zweithäufigsten der Ausspruch des SPD-Generalsekretärs Olaf Scholz, die SPD-Familienpolitik werde die Lufthoheit über den Kinderbetten erringen. Der Sprecher der Jury und Frankfurter Sprachwissenschaftler Schlosser wies allerdings darauf hin, dass es nicht auf die Häufigkeit ankommt, sondern vielmehr auf ein besonders krasses Missverhältnis von Wort und bezeichneter Sache.
Deshalb haben auch Vorschläge wie 'Ausreisezentrum' für ein Asylbewerberlager, 'Ich-AG' aus dem Hartz-Papier. 'überzählige Embryonen' oder 'Zellhaufen' als Argumente für ethisch angeblich neutrale gentechnische Manipulationen Chancen, Unwort des Jahres zu werden, hatte er schon vor der Bekanntgabe erklärt. Die Entscheidung über das Unwort des Jahres traf eine unabhängige Jury aus sechs Mitgliedern, darunter die Wissenschaftler Margot Heinemann aus Görlitz-Zittau, Rudolf Hoberg aus Darmstadt, Nina Janich aus Regensburg und Schlosser selbst als ständige Juroren sowie als Vertreter der Sprachpraxis diesmal ZDF-Journalist Wolfgang Herles und der Generalsekretär des Goethe-Instituts, Joachim Felix Leonhard.
Text: @kue
Bildmaterial: AP
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