Oscar-Verleihung 2004

Die Krönung des barfüßigen Königs

Von Michael Althen

01. März 2004 Im Vorfeld der Verleihung wurde geunkt, man könne viel Geld sparen, indem man dieses Jahr die Oscars ohne große Zeremonie den sicheren Siegern einfach so aushändige. Zu eindeutig waren die Favoriten, zu klar der Ausgang. In der Tat war die größte Überraschung des Abends, daß es wirklich keine einzige überraschende Entscheidung gab - es sei denn den Umstand, daß der "Herr der Ringe" zum Abschluß der Trilogie tatsächlich in allen elf Kategorien, für die er nominiert war, auch als Sieger hervorging. Damit hat Peter Jackson den Rekord von "Titanic" eingestellt, mit dem sich sein Film mittlerweile auch finanziell messen kann.

Wer gehofft hatte, daß die knapp sechstausend Stimmberechtigten sich wenigstens beim Drehbuch für "Mystic River" entscheiden würden, um anzudeuten, daß die Tolkien-Verfilmung nicht das ganz große Epos ist, für das sie sich selbst gerne hält, wurde enttäuscht. Hollywood ist offenbar der schieren Größe des Projekts mit Haut und Haaren verfallen, und natürlich muß auch, wer den Film nicht mag, zugeben, daß das ganze Unterfangen jener Stoff ist, aus dem schon immer die Oscars gemacht waren. Wenn die Academy so etwas nicht auszeichnen würde, dann gingen in Hollywood wahrhaft die Lampen aus.

Riskante Investition

Was im nachhinein als sichere Bank aussieht, war im Vorfeld eine ziemlich riskante Investition. Einem mäßig bekannten Regisseur wurden 270 Millionen Dollar anvertraut, damit er am anderen Ende der Welt eins jener Kultbücher verfilme, über das Millionen Fans und Leser Interpretationshoheit beanspruchen - das hätte auch ins Auge gehen können. Peter Jackson dankte deshalb der Academy, daß sie sich von all den Elfen, Trollen und Zauberern nicht blenden ließ und erkannte, wie ernst es ihm mit dem Stoff gewesen war. Man könnte einwenden, daß es genau das ist, was die Trilogie oft schwer erträglich macht, der heilige Ernst, der in Frodos ewiger Leidensmiene fast schon zur Karikatur wird. Der Darsteller Elijah Wood scheint diesen Ausdruck so verinnerlicht zu haben, daß er auch am Oscarabend mit irgendwie schmerzgeweiteten Augen auf der Bühne stand.

Bei einem so absehbaren Ergebnis mußte man sich mit dem gewohnt brillanten Präsentator Billy Crystal trösten, der in Anspielung auf Jacksons Angewohnheit, ohne Schuhe durch die Welt zu laufen, scherzte, wenigstens sei er nicht barfuß auf die Bühne gekommen, und nach den ersten Oscars für den "Herr der Ringe" feststellte, nun gebe es wahrscheinlich keinen einzigen Neuseeländer mehr, dem noch nicht gedankt worden sei. Charlize Theron, die für die Darstellung einer Serienkillerin in Patty Jenkins' "Monster" gewann, nahm den Faden gleich auf und meinte, da nun allen Neuseeländern bereits gedankt worden sei, wolle sie sich bei allen Einwohnern ihrer Heimat Südafrika bedanken.

Siegerin der Herzen

Viel war im Vorfeld geredet worden über die Entscheidung des Senders ABC, die Verleihung um fünf Sekunden zeitversetzt auszustrahlen, um vermeintliche Entgleisungen wie die Entblößung von Janet Jacksons Brust beim Superbowl zu unterbinden. Der wunderbare alte Regisseur Blake Edwards, der endlich mit einem Oscar für sein Lebenswerk geehrt wurde, sagte denn auch auf der Pressekonferenz, er halte das für die reinste Heuchelei, einerseits "Sex and the City" zu zeigen und sich andererseits über so eine Lappalie aufzuregen. So weit zu erkennen war, wurde von der Möglichkeit der Zensur aber nicht Gebrauch gemacht. So konnten sich Crystal und Robin Williams ungehindert über das sogenannte "Nipplegate" lustig machen, und auch der Dokumentarfilmer Errol Morris durfte in seiner Dankesrede darauf hinweisen, daß sich Amerika dieser Tage auf ähnliche Weise in seinem Kaninchenbau verschanze wie zu Zeiten des Vietnamkrieges.

"Der Herr der Ringe" mag zwar der große Gewinner sein, aber die Siegerin der Herzen war dann doch spürbar Sofia Coppola, der es zwar nicht gelang, als erste Regisseurin ausgezeichnet zu werden, die aber mit ihrem Drehbuchoscar für "Lost in Translation" den Coppola-Clan mit den Hustons gleichziehen ließ. So wie mit Walter, John und Anjelica drei Generationen Huston einen Oscar gewonnen haben, so sind nun auch mit Carmine, Francis und Sofia drei Generationen Coppola siegreich gewesen.

Interesse an erwachsenen Figuren

Bei ihrem Auftritt wirkte sie nicht nur so cool und scheu wie ihr Film, sondern gewann auch die Sympathie der Filmfans, indem sie in ihrer Dankesrede zwar wie schon bei den Globes ihre Hauptdarstellerin Scarlett Johansson vergaß, dafür aber ihren Vorbildern dankte: Antonioni, Wong Kar-Wai, Bob Fosse und Godard. Gerade an diesem Abend war man froh um jeden Hinweis, daß es noch ein Kino jenseits von Hollywood gibt - und Filme, die ohne Elfen und Trolle auskommen und ihren Zauber zwischen echten, man möchte fast sagen: erwachsenen Menschen finden.

Noch an einer weiteren Geste konnte man erkennen, daß das Interesse an erwachsenen Figuren ausgeprägter ist, als Peter Jacksons Sieg erkennen läßt. Als Sean Penn für seine Rolle in "Mystic River" gewann, erhob sich das Publikum zur stehenden Ovation. Wenigstens das war Jackson nicht vergönnt.

Die Oscars 2004

Bester Film: "Der Herr der Ringe 3 - Die Rückkehr des Königs"

Fremdsprachiger Film: "Invasion der Barbaren" von Denys Arcand (Kanada)

Animationsfilm: "Findet Nemo" von Andrew Stanton

Hauptdarstellerin: Charlize Theron in "Monster"

Hauptdarsteller: Sean Penn in "Mystic River"

Nebendarstellerin: Renee Zellweger in "Unterwegs nach Cold Mountain"

Nebendarsteller: Tim Robbins in "Mystic River"

Regie: Peter Jackson für "Herr der Ringe"

Original-Drehbuch: Sofia Coppola für "Lost in Translation"

Drehbuchadaption: Fran Walsh, Philippa Boyens und Peter Jackson für "Herr der Ringe"

Kamera: Russell Boyd für "Master & Commander"

Schnitt: Jamie Selkirk für "Herr der Ringe"

Kostüme: Ngila Dickson und Richard Taylor für "Herr der Ringe"

Make-up: Richard Taylor und Peter King für "Herr der Ringe"

Art Direction: "Herr der Ringe"

Spezialeffekte: "Herr der Ringe"

Filmmusik: Howard Shore für "Herr der Ringe"

Song: "Into the West" von Annie Lennox, Fran Walsh und Howard Shore aus "Herr der Ringe"

Tonschitt: Richard King für "Master & Commander"

Tonmischung: "Herr der Ringe"

Dokumentarfilm: "The Fog of War" von Errol Morris und Michael Williams

Kurzdokumentarfilm:"Chernobyl Hearts" von Maryann DeLeo

Kurztrickfilm: "Harvie Krumpet" von Adam Elliot

Kurzfilm: "Two Soldiers" von Aaron Schneider und Andrew J. Sacks

Ehren-Oscar: Blake Edwards



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.03.2004, Nr. 52 / Seite 37
Bildmaterial: AP

 
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche