19. Januar 2007 Problembär? Prekariat? Gesundheitsreform? Viel zu populär. Wie üblich hat die Jury zum Unwort des Jahres eines gekürt, das kaum jemand je gehört hat. Diesmal sind es sogar zwei Wörter: Freiwillige Ausreise.
In Abgrenzung zur amtlichen Bezeichnung Abschiebung impliziere der Begriff, dass abgelehnte Asylbewerber nach intensiver Beratung in den sogenannten Ausreisezentren beschlossen hätten, die Bundesrepublik doch lieber von selbst wieder zu verlassen, erklärte die Jury um den Sprachwissenschaftler Horst Dieter Schlosser am Freitag in Köthen in Sachsen-Anhalt. Die Freiwilligkeit einer solchen Ausreise dürfe aber bezweifelt werden.
Als weiteres Unwort rügte die Jury den Begriff Konsumopfer. So habe der Modemacher Wolfgang Joop Models umschrieben, die zu Lasten ihrer Gesundheit für das Schönheitsideal der Konsumgesellschaft, nämlich extrem schlanke, letztlich magere Figuren, hungern müssten. Ein Unwort ist nach Ansicht der Sprachexperten auch das Wort Neiddebatte. Damit habe der frühere Bundesbankpräsident Ernst Welteke die ernsthafte Diskussion um die Angemessenheit von Millionenbezügen bestimmter Spitzenmanager auf die Stufe eines kleinkarierten Neides herabgewürdigt.
Eine unabhängige Jury von Sprachwissenschaftlern sucht seit 1991 jährlich Begriffe, die besonders negativ aufgefallen sind, weil sie sachlich grob unangemessen sind und möglicherweise sogar die Menschenwürde verletzen. Zuletzt war der Begriff Entlassungsproduktivität zum Unwort des Jahres gewählt worden. Das Unwort wurde diesmal in Köthen verkündet, weil dort vor 390 Jahren die erste deutsche Sprachgesellschaft gegründet wurde, die Fruchtbringende Gesellschaft. Normalerweise findet die Bekanntgabe in Frankfurt am Main statt. Der sechsköpfigen Jury lagen 1130 Vorschläge vor. Im Vorjahr war der Begriff Entlassungsproduktivität zum Unwort gekürt worden.
WÖRTER und UNWÖRTER des Jahres
WORT DES JAHRES
1995: Multimedia
1996: Sparpaket
1997: Reformstau
1998: Rot-Grün
1999: Millennium
2000: Schwarzgeldaffäre
2001: Der 11. September
2002: Teuro
2003: Das alte Europa
2004: Hartz IV
2005: Bundeskanzlerin
2006: Fanmeile
UNWORT DES JAHRES
1995: Diätenanpassung (Beschönigung der Diätenerhöhung im Bund)
1996: Rentnerschwemme (Falsches Naturbild für einen sozialpolitischen Sachverhalt)
1997: Wohlstandsmüll (Umschreibung arbeitsunwilliger und -unfähiger Menschen durch den Ex-Nestlé-Verwaltungspräsidenten Helmut Maucher)
1998: sozialverträgliches Frühableben (Zynisch wirkende Ironisierung durch den Ex-Präsidenten der Bundesärztekammer, Karsten Vilmar)
1999: Kollateralschaden (Verharmlosung der Tötung Unschuldiger als Nebensächlichkeit, Nato-offizieller Terminus im Kosovo-Krieg)
2000: National befreite Zone (Zynisch heroisierende Umschreibung einer Region, die von Rechtsextremisten terrorisiert wird)
2001: Gotteskrieger (Kein Glaube an einen Gott gleich welcher Religion kann einen Krieg oder gar Terroranschläge rechtfertigen)
2002: Ich-AG (Reduzierung von Menschen auf Börsenniveau)
2003: Tätervolk (Grundsätzlich inakzeptabler Kollektivschuldvorwurf; als potentiell möglicher Vorwurf gegen Juden in der Rede des Ex-CDU-Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann schlicht antisemitisch)
2004: Humankapital (Degradierung nicht nur von Arbeitskräften in Betrieben, sondern von Menschen überhaupt zu nur noch ökonomischen Größen)
2005: Entlassungsproduktivität (Verschleierung der Mehrbelastung derjenigen, die ihren Arbeitsplatz noch behalten konnten)
2006: Freiwillige Ausreise
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: picture-alliance / dpa
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