28. November 2002 Ein schwarzes Hardcover, auf dem Schutzumschlag mit blutrotem Schriftzug der Titel Tagebücher. Auratischer kann man ein Werk nicht in Szene setzen, wie es der Kiepenheuer & Witsch Verlag mit den an diesem Donnerstag erscheinenden Nachlasstexten des Nirvana-Sängers Kurt Cobain macht, der sich am 8. April 1994 kurz hintereinander eine tödliche Dosis Heroin spritzte und mit einer Schrotflinte in den Kopf schoss.
Als handle es sich um ein Kölner Parallelwerk zu Roland Reuß' sakralisierender Kafka-Edition bei Stroemfeld, werden die Texte in faksimilierter Form wiedergegeben, daneben übersetzt und - sparsam - kommentiert. Es handelt sich um überwiegend unsystematische und undatierte Aufzeichnungen auf Spiralblockseiten, aber auch nicht abgeschickte Briefe, Liedtexte und -kommentare.
Man mag darüber streiten, ob es sinnvoll ist, solche Texte wie Entwürfe von Hölderlin-Hymnen in mehreren Entstehungsstufen abzubilden. Man mag sich fragen, warum es überhaupt notwendig ist, hingeworfenes, flüchtig assoziiertes Gedankenmaterial in voller Länge und im Original wiederzugeben. Trotz solcher Einwände ist die Veröffentlichung dieses Nachlasses ein Ereignis.
Popkulturelle Ikone
Den Einwand, es handle sich doch vor allem um einen Fetisch für die - allerdings zahlreichen - Nirvana-Fans, trifft nicht den Kern, ist Cobain doch längst jenseits seiner Musik zu einer popkulturellen Ikone geworden.
Als eine Art Motto steht der undatierte Eintrag: Lies nicht in meinem Tagebuch, wenn ich weg bin. OK, ich geh jetzt zur Arbeit. Wenn du heute morgen aufwachst, lies bitte mein Tagebuch. Durchwühl meine Sachen und mach Dir ein Bild von mir. Tatsächlich darf man vieles nicht beim Nennwert nehmen: Das hier sollte nicht als Meinungsäußerung gelesen werden. Es sollte als Poesie gelesen werden. Das Buch ist eine vielleicht historische, aber keine kritische Ausgabe und erfordert einen Leser, der nicht nur mit den Fakten vertraut ist, sondern sich den Losungen, Tiraden und Weisheiten Cobains auch mit Vorsicht nähert. Wie bei seinen Riffs benutzt er Verzerrer und Verstärker, hinter denen erst die klaren Grundakkorde seines Lebens erkennbar werden.
Exzessiver Drogenkonsum
Man kann diese Tagebücher nicht anstelle einer Lebensgeschichte lesen, wenn man nicht in die gleiche Falle wie zahlreiche Popjournalisten tappen will, denen Cobain stilisierte Versionen seiner Biographie auftischte. Seinen immer schon starken, aber seit etwa 1991 zunehmend exzessiven Drogenkonsum spielt er herunter, mysteriöse Magenschmerzen sollen als Entschuldigung herhalten.
Den wahren Gründen von Cobains Ende haben schon viele nachgespürt, psychoanalytisch Geschulten bieten die skatologischen Phantasien reichlich Material. Das interessanteste Motiv ist neben der gegen Ende paranoiden Journalistenschelte die schonungslose Selbstanalyse des Autodidakten: Ich komme mir irgendwie wie ein Knallkopf vor, hier über die Band oder mich zu schreiben, als wäre ich eine amerikanische Pop-Rock-Ikone, ein Halbgott oder ein selbsterklärtes Produkt einer griffig verpackten Industrierebellion.
Die gewisse Extrabegabung
Als Mittzwanzigjährigem ist ihm klar, dass er etwa auf dem Bildungsniveau der letzten Klasse der High School ist. Doch seine Reflexionen über Begabung hat es in sich: Kein wahres Talent ist rein organisch. Dennoch haben diejenigen, die mehr Talent mitbringen, nicht nur die Kontrolle über das Lernen, sondern auch die gewisse, spezielle, kleine, in die Wiege gelegte Extrabegabung - den Antrieb durch Leidenschaft. Die Prioritäten waren für Cobain aber schon früh klar: Richtiges Englisch ist so gottverdammt langweilig. Und dieser kleine Boxenstopp, den wir Leben nennen, ist nichts als ein kleiner Wochenendarrest verglichen mit dem, was der Tod bringen wird. Das Leben ist nicht annähernd so heilig wie der Sinn für Leidenschaft.
Ihm war auf Erden nicht zu helfen - ohne jede Überhöhung muß man auch mit diesen Tagebüchern feststellen, dass kaum ein Ausweg denkbar war. Solange sich der Erfolg noch nicht eingestellt hatte, waren seine Energien absorbiert. Doch mit dem unüberbietbaren Erfolg von Nevermind verlor sich beinahe buchstäblich über Nacht das Ziel - abgesehen davon, daß nun auch das Geld für Heroin nie ausging -; und auch die neue Beziehung zu der ebenso talentierten wie ehrgeizigen Sängerin Courtney Love und dem gemeinsamen Kind konnte hier nicht mäßigend wirken.
Puppentheater und Nirvana
Der konkret körperliche Ekel vor dem Altern ließ das frühe Ende programmiert scheinen. Cobain schreibt höhnisch von alten Weggenossen, die in zehn Jahren (wenn wir im Bewusstsein der Öffentlichkeit ungefähr so präsent wie Kajagoogoo sein dürften) immer noch in Freizeitparks pilgern werden, wo Nirvana-Reunion-Gigs stattfinden, gesponsert von Inkontinenzwindeln, kahl, fett und immer noch krampfhaft am Rocken, samstags Puppentheater, Achterbahn und Nirvana.
Diese Unversöhnlichkeit mit der antizipierten Lächerlichkeit des eigenen Mythos macht wohl nicht zuletzt die anhaltende Faszination aus. So deprimierend sich der auch im Tagebuch ausgetragene Kampf mit den kleinen Monstern im Kopf, der Sucht liest - das Spielerische, auch Unflätige, Aggressive drückt zumindest in diesem Kugelschreibergebiet die Dämonen an den Rand. Vor der Veröffentlichung von In Utero heißt es in einem Briefentwurf: Der Titel der LP ist ziemlich negativ, aber auch irgendwie lustig. Er heißt: ,I hate myself and I want to die'.
Eine längere Version dieses Artikels findet sich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 28.11.2002, S. 42
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa
Ceausescus Sturz: Der kurze Weg von der Anklage bis zur ![]()
Brittany Murphy an Heiligabend beigesetzt
China: Elf Jahre Haft für Liu Xiaobo
F.A.Z.-LeseprobeAdam Haslett: Union Atlantic
Die Bibliothek der Poeten
Frank Schätzing: Limit
Maryanne Wolf: Das lesende Gehirn