Kunstbiennale

Es liegt kein experimenteller Geist über der Lagune

Von Ludwig Seyfarth, Venedig

08. Juni 2001 Auch in diesem Sommer wird die älteste internationale Großausstellung der Welt, die Biennale von Venedig, in fünf Monaten über zwei Millionen Besucher in die Lagunenstadt ziehen. Schaulustigen müssen sich bei dieser 49. Ausgabe allerdings auf harte Proben einstellen. Ungewohnt intensiv werden sie in das künstlerische Schaffen von über 300 Künstlern miteinbezogen. Kunst als Erlebnis, nicht als Dekoration. Da wird man auch schmutzig, muss viel Geduld mitbringen und für jede Überraschung offen sein.

Interaktiv heißt das gängige Motto großer Gruppenausstellungen der Gegenwart. So auch in Venedig. Ludwig Seyfarth hat sich die Veranstaltung „Plateau der Menschheit“ neben den Länderpavillons in den Giardini vor allem unter dem Aspekt der Bedingungen solcher Großveranstaltungen genähert. Der Hamburger Kunstkritiker, Kurator und FAZ.NET Mitarbeiter kommt zu einem negativen Ergebnis:

Rote Fäden verheddern sich

In der Ausstellung von Harald Szeemann, "Plateau der Menschheit", im Arsenale, sieht man gleich am Anfang einen kauernder "Boy" des in London lebenden Amerikaners Ron Mueck. Eine Plastik, die fast fünf Meter groß ist und dem Besucher sehr eindringlich von der Seite in die Augen guckt. Daneben gibt es eine Arbeit von einem Chinesen zu sehen, Xiao Xu. Er hat kleine Mutanten aus Menschenkopf und Tierkörper in Glaskaraffen gesteckt und in Wasser eingelegt. Da es in der Ausstellung um das Menschenbild und die Menschheit geht, hat man den Eindruck, dass ein ziemlich präziser Auftakt gelungen ist. Die Mutation des Menschenbildes wird vorgeführt.

Dann gibt es Köpfe ohne Körper zu sehen. Ein uraltes Video nach Samuel Beckett von 1966, das auch drei Körper zeigt, die in der Luft hängen. Und jede Menge Wachsfiguren als Metapher der zeitgenössischen Menschheit.
Eine solche Wachsfigur ist als Hommage an Veruschka von Lehndorf zu verstehen. Sie liegt dann auch als echte Gestalt auf einem Kanapee und bewegt sich von Zeit zu Zeit. Urs Lüthi zeigt im Schweizer Pavillon sich selbst als Wachsfigur. Allerdings scheitert die Figur an ihrer Überdimensionalität. Der Künstler kauert vor seinen eigenen übergroßen Fotografien.

Der Gesamteindruck setzt sich also in den Pavillons fort: Die Kunst wird von ihrem Rahmen erdrückt.

Zeitgenössische Menschenbilder - Variationen in Wachs

Man kann zwar formale Bezüge zwischen den Werken der Ausstellung entdecken, aber das Ganze verläppert dann sehr schnell ins Beliebige. Dass wir ein Menschenbild vorgeführt bekommen, das nicht nur Menschen zeigt, sondern auch Geruchsobjekte, etwa solche wie sie der Brasilianer Ernesto Neto installiert hat, die dann auch Rückblicke auf Beckett oder auf Joseph Beuys zulassen überzeugt nicht wirklich. Nirgends findet man einen roten Faden in dem Ganzen. Im Gegenteil. Das Menschenbild, wie es als Leitmotiv von Ron Mueck zu sehen ist, könnte als Symbol für das Hypertrophe der ganzen Veranstaltung gelesen werden. Eine lebendigen Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Kunst erstickt in ihrem repräsentativen Rahmen.

Was im Moment fehlt, ist ein Nachdenken darüber mit welchen äußeren Mitteln man zeitgenössische Kunst inszeniert. In Venedig muss ein traditioneller historischer Rahmen erfüllt werden, gegen den die Kunst gar nicht mehr ankommt. Man hat das Gefühl, bevor überhaupt über einen Inhalt nachgedacht wird, wird nur über die Bespielbarkeit der Räume geredet.

Wie soll die Kunst diesem repräsentativen Anspruch gerecht werden? Im Ganzen herrscht kein experimenteller Geist auf der Biennale. Viel zu viele Dunkelräume erzeugten Unmut unter den ersten Gästen. Im Ganzen ist die 49. Biennale eine Überforderung. Kein Wunder, dass da auf den Eröffnungspartys kaum noch von der Kunst die Rede war. Das eigentliche Kunstwerk ist Venedig selbst.




Text: @blo
Bildmaterial: FEM, Ron Mueck

 
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