05. Juni 2003 Nach Skandalen um die Berichterstattung der New York Times ist die Führungsspitze der renommierten Zeitung zurückgetreten. Chefredakteur und Pulitzer-Preisträger Howell Raines und sein Stellvertreter Gerald Boyd stellten ihr Amt am Donnerstag zur Verfügung. Er habe die beiden Kündigungsschreiben mit Traurigkeit akzeptiert, sagte Herausgeber Arthur Sulzberger am Donnerstag in New York.
Im Mittelpunkt der jüngsten Skandale stand der Reporter Jayson Blair. Die New York Times trennte sich Anfang Mai von ihm, nachdem herausgekommen war, daß zahlreiche seiner Artikel fehlerhaft und von anderen abgeschrieben waren. Raines und Boyd wurden scharf kritisiert, weil sie trotz Zweifeln an der Korrektheit der Berichterstattung des 27jährigen nicht früher Konsequenzen gezogen hatten. Mit der Kündigung Blairs kündigte die Zeitung auch an, ihre Redaktionspraxis künftig genauer zu überprüfen.
Nur wenige Wochen später wurde der mittlerweile aus der Redaktion ausgeschiedene Pulitzer-Preisträger Rick Bragg beurlaubt. Ihm wurde vorgeworfen, sich in einer Reportage auf Recherche-Ergebnisse eines freien Mitarbeiters gestützt zu haben, dessen Namen jedoch beim Erscheinen des Artikels nicht in der Autorenzeile erwähnt wurde.
Führungsstil von Raines in der Kritik
Raines sah sich in den vergangenen Wochen auch zunehmender Kritik seiner Kollegen gegenüber. Dem 60jährigen wurde unter anderem ein zu autoritärer Führungsstil vorgeworfen. Raines, ehemaliger Büroleiter in Washington und London, wurde im Herbst 2001 Chefredakteur der New York Times. Sein Vorgänger Joseph Lelyveld soll nun vorübergehend wieder die Zeitung führen. Verleger Arthur Sulzberger dankte Raines und Boyd dafür, daß sie das Interesse der Zeitung an erste Stelle gestellt hätten. Dies ist ein Tag, der mir das Herz bricht, sagte er bei der Bekanntgabe der Rücktritte.
Obwohl die vergangenen Wochen schwierig gewesen seien, bleibe die Zeitung fest bei ihrer Verpflichtung gegenüber ihren Beschäftigen, Lesern und Anzeigenkunden, die beste Zeitung zu produzieren und dafür die höchsten journalistischen Standards anzuwenden, erklärte Sulzberger. Seine Familie leitet das traditionsreiche Blatt seit mehr als einem Jahrhundert.
Text: dpa, AFP
Bildmaterial: AP
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