Prozeß

„Mit Hitler gleichgesetzt zu werden ist für Juden eine Katastrophe“

Von Hans Riebsamen

13. Januar 2006 Kann ein Jude ein Antisemit sein? Kann er - sagt der jüdische Publizist Henryk M. Broder. Und hat den jüdischen Verleger Abraham Melzer aus Neu-Isenburg als einen solchen bezeichnet. Deshalb saßen sich die beiden alten Freunde gestern mittag im Gerichtssaal in Frankfurt gegenüber - als mittlerweile unversöhnliche Feinde. Dies im wohl ersten Rechtsstreit im Rechtsstaat Bundesrepublik Deutschland, in welchem ein Jude von einem Gericht klären lassen will, ob ein anderer Jude ein Judenfeind ist.

Zur Vorgeschichte: Der Verleger Melzer hat ein Buch mit dem Titel „Das Ende des Judentums“ veröffentlicht, verfaßt von einem in Holland lebenden Juden, einem KZ-Überlebenden namens Hajo Meyer. In diesem Buch kommt Israel - um es zurückhaltend auszudrücken - nicht gut weg. Ein Zitat, welches sich auf die israelische Politik bezieht, als Beispiel: „Besonders im vergangenen Jahr scheint sich eine andere Vorhersage der Antisemiten in gefährlichem Ausmaß zu bewahrheiten. Ich meine den Mythos - und bis vor kurzem war es ein solcher -, die Juden hätten es auf die Weltherrschaft abgesehen.“

„Mit braunem Dreck gefüllt“

Broder hat im Internet einen Vorspann zu einem Bericht eines Kollegen über eine Lesung des Autors Meyer in Leipzig veröffentlicht. Die Überschrift lautete „Holo mit Hajo - Wie zwei Juden für die Leipziger den Adolf machten“. Mit den zwei Juden waren Hajo Meyer und Abraham Melzer gemeint. In Broders Text finden sich die Sätze: „Mein Freund Abraham (Abi) Melzer hat da eine Lücke entdeckt, die er fleißig mit braunem Dreck füllt. Letzten Montag trat er zusammen mit seinem besten Pferd im Stall, dem Berufsüberlebenden Hajo Meyer, an der Leipziger Uni auf. Ich hatte vor, mir diese beiden Kapazitäten für angewandte Judäophobie aus der Nähe anzusehen, mußte leider wegen eines Malheurs kurzfristig umdisponieren.“

Melzer und Meyer haben auf den Artikel mit einer einstweiligen Verfügung reagiert, in der Broder untersagt wurde, sie der „Judäophobie“ und des „Adolf machen“ zu beschuldigen, auch dürfe er nicht weiter behaupten, Melzer fülle eine Lücke mit „braunem Dreck“. Broder seinerseits hat die Verfügung angefochten.

Unzulässige Schmähkritik?

Es geht formal, so erklärte es Richter Frowin Kurth gestern den beiden Streithähnen und einem Publikum von drei Dutzend Männern und Frauen, überwiegend jüngere Juden, um die Frage Persönlichkeitsrecht wider Meinungsfreiheit. Genauer: Stellen Broders Äußerungen eine unzulässige Schmähkritik dar. Tatsächlich geht es freilich um die Klärung einer nicht zu beantwortenden Frage: Wo schlägt Kritik an den Juden oder an Israel in Antisemitismus um?

Melzers Anwalt wies darauf hin, daß der Vorwurf, er sei Antisemit, seinen Mandanten im Kern treffe, weil dieser Vorwurf besonders ehrenrührig sei. „Mit Hitler gleichgesetzt zu werden ist füreinen Juden eine Katastrophe.“ Melzer selbst sagte im Schlußwort über sich selbst: „Ich bin ein stolzer Jude. Ich liebe Israel, nur nicht die Politik dieses Landes.“

„Jüdischer Selbsthaß“

Broder sprach vom „jüdischen Selbsthaß“, dem als erster der jüdische Philosoph Theodor Lessing 1930 ein materialreiches Buch gewidmet habe: „Antisemitismus ist eine Krankheit, die jeden befallen kann.“ Will heißen: auch Juden. Der Buchautor Meyer ist laut Broder der Prototyp des jüdischen Selbsthassers. „Er ist ein Antisemit.“ Und Melzer als sein Verleger, dies will Broder offenbar damit kundtun, billigt dessen Haltungen und fällt damit auch unter die Kategorie Judenhasser. Im übrigen, so ließ Broder seine wortgewaltige Anklage enden, sei dies kein Fall für das Gericht, sondern ein Fall für einen Analytiker.

Was nun, Richter Kurth? Zuerst einmal nachdenken, sagte der Herr in diesem Gerichtssaal. Man wolle sich für diese schwierige Entscheidung zwei Wochen Zeit lassen. Am 27. Januar soll dann um 11 Uhr das Urteil verkündet werden.

Text: F.A.Z., 13.01.2006, Nr. 11 / Seite 45

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